Beratung und Information
zur

Krebstherapie

Chemotherapie fortgeschrittener Karzinome

Chemotherapie fortgeschrittener Karzinome
Eine kritische Bestandsaufnahme

Ulrich Abel

Hippokrates Verlag GmbH, Stuttgart 1995
2. aktualisierte Auflage

ISBN 3-7773-1167-7

Auszug aus dem Buch
Chemotherapie fortgeschrittener Karzinome

Zusammenfassung:

Die Arbeit enthält eine umfassende Analyse der klinischen Studien, Publikationen sowie persönlicher, als Anworten auf ein Rundschreiben eingegangener Äußerungen klinischer Onkologen zur Frage, ob die zytostatische Chemotherapie bei fortgeschrittenen epithelialen Tumoren die Überlebenszeit verlängert oder zumindest die Lebensqualität der Patienten verbessert. Diese Frage ist von ethischer, wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Bedeutung. Folgende Fakten sind als Ergebnis der Recherche zu notieren:

1. Mindestens 80% der Krebstoten in den westlichen Industriestaaten versterben an (fortgeschrittenen) epithelialen Malignomen. Es gibt, abgesehen vom Bronchialkarzinom (vor allem dem kleinzelligen), keine direkte Evidenz dafür, daß eine alleinige systemische Chemotherapie bei diesen Patienten das Überleben verlängert. Die verfügbare indirekte Evidenz spricht mit Ausnahme des Ovarialkarzinoms insgesamt eher gegen eine solche Wirkung. In der Behandlung des Bronchial- und Ovarialkarzinoms ist die zu erwartende Lebensverlängerung im günstigsten Falle bescheiden, und ein weniger aggressives Vorgehen scheint mindestens ebenso wirksam zu sein wie das heute übliche.
Diese Bilanz steht teilweise im Widerspruch zu den publizierten Einschätzungen der Chemotherapie, die nicht selten ein überoptimistisches Bild von den Wirkungen der Therapie zeichnen. Grundlage des unberechtigten positiven Urteils über die Therapie sind mannigfaltige Fehlinterpretationen von Studienergebnissen. Möglicherweise profitieren gewisse Patientenuntergruppen von der Therapie, doch gibt es keine ausreichenden Erkenntnisse, um diese Gruppen präzise zu definieren.

Für einige Tumorlokalisationen existieren Hinweise darauf, daß im Falle einer lokal fortgeschrittenen Erkrankung die Kombination von Chemo- und Strahlentherapie der alleinigen Strahlentherapie überlegen ist. Jedoch ist die bisher verfügbare Evidenz keinesfalls als schlüssig zu bezeichnen, und auch der Nutzen dieser recht nebenwirkungsreichen Kombination ist allenfalls gering.

2. In der überwältigenden Mehrzahl der Publikationen wird die Wirkung von Chemotherapie mit Response gleichgesetzt, ohne Ansehen der Wirkung auf die Überlebenszeit. Viele Onkologen halten es für selbstverständlich, daß Response auf Therapie das Überleben verlängert, eine Auffassung, die auf einem Fehlschluß beruht und durch kontrollierte Studien nicht gestützt wird.
Bis heute ist unklar, ob die behandelten Patienten in ihrer Gesundheit hinsichtlich der Lebensqualität von der Chemotherapie profitieren.

3. Insgesamt gibt es mit wenigen Ausnahmen bislang keine gute wissenschaftliche Grundlage für die Applikation von Chemotherapie bei beschwerdefreien Patienten mit fortgeschrittenen epithelialen Malignomen. Obwohl dies auch die Einschätzung mancher international bekannter Onkologen ist, tragen die laufenden Studien diesem Faktum nicht Rechnung. Dringend gebotene Studienformen, wie z. B. deeskalierende Dosis-Wirkungs-Studien oder Vergleiche sofortiger mit verzögerter Chemotherapie, fehlen für fast alle Krebsformen.

Anscheinend befindet sich die klinische Onkologie in einer erkenntnistheoretischen Sackgasse, aus der ein Ausweg nur noch schwer möglich ist Der Glaube an eine lebensverlängernde Wirkung der Therapie ist eine wesentliche Grundlage nicht nur für die Krebstherapie, sondern auch für die üblichen Nachsorgeprogramme.

 

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Kategoriezuordnung: Buch-Empfehlungen · Artikel erstellt am: 20.04.2006