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Was nutzen Vorsorge-Koloskopien den Alten?

Studie: Häufigste Befunde beim Screening sind Polypen / Statistisch ergibt sich für Alte keine Lebensverlängerung
SEATTLE (gwa). Bei über 75jährigen findet man bei Screening-Koloskopien zwar häufiger Polypen als bei Menschen um 50. Doch haben solche Befunde trotz Therapien keinen wesentlichen Einfluß auf die statistisch zu erwartende Lebenszeit. Sollten also alte Menschen überhaupt Screening-Koloskopien erhalten, wenn sie danach fragen? Grundsätzlich ja, sagt Professor Jürgen F. Riemann aus Ludwigshafen.

Ob alte Menschen von einer Screening-Koloskopie profitieren, weil man etwa gefundene Polypen rasch entfernen und so potentiell die Lebenszeit verlängern kann, war bislang unklar.

Deshalb haben Kollegen um Dr. Otto S. Lin aus Seattle in einer Studie untersucht, wie häufig Polypen und Krebs in verschiedenen Altersgruppen bei Screening-Koloskopien gefunden werden. Dann berechneten sie den Einfluß solcher Diagnosen und möglicher Therapien auf die statistische Lebenserwartung (JAMA 295, 2006, 2357).

1244 Menschen ohne Darmsymptome wie Blut im Stuhl oder Stuhlunregelmäßigkeiten erhielten eine Screening-Koloskopie. 1034 von ihnen waren zwischen 50 und 54 Jahre alt, 147 zwischen 75 und 79 Jahre und 63 Menschen waren über 80.

Mehr alte Menschen hatten Polypen über 5 mm und Krebs: bei den über 80jährigen waren 22 Prozent betroffen im Vergleich zu 15,6 Prozent in der Gruppe zwischen 75 und 79 Jahren und 7,5 Prozent in der Gruppe der 50 bis 54jährigen.

Doch im Gegensatz zu den 50- bis 54jährigen errechneten die Kollegen für die Alten, daß sich für sie keine wesentliche statistische Lebensverlängerung ergibt, trotz Polypektomie oder Krebsoperation. Warum? Am häufigsten wurden Polypen gefunden. Bekanntlich dauert es - in Abhängigkeit von der Größe - oft viele Jahre, bis Polypen entarten. Das aber würden alte Patienten meist nicht mehr erleben.

Deshalb raten die Autoren, bei über 80jährigen sehr genau zu überlegen, ob eine Screening-Koloskopie in Frage kommt. Dem stimmt Professor Jürgen F. Riemann aus Ludwigshafen durchaus zu. Riemann sagt aber auch: Alter ist kein Grund, eine Maßnahme zu unterlassen.

GASTKOMMENTAR
Auch Alte haben ein Recht auf Diagnostik

Von Jürgen F. Riemann

Professor Jürgen F. Riemann aus Ludwigshafen sagt: Alter ist kein Grund, eine Maßnahme zu unterlassen! Foto: privat
In einer aktuellen Studie zur Screening-Koloskopie empfehlen die Autoren, besonders bei über 80jährigen zurückhaltend zu sein mit Screening-Koloskopien.

Der Grund: Zwar war die Inzidenz von Polypen und Kolonkarzinomen in der Gruppe der über 80jährigen höher als in der Gruppe der 50- bis 54jährigen. Doch nach Berechnungen hatten solche Diagnosen keinen wesentlichen Einfluß auf die Lebenserwartung. Lohnt sich also eine Vorsorge-Koloskopie bei alten Menschen nicht?

Doch! Alter ist kein Grund, eine Maßnahme zu unterlassen! Es geht nicht nur um Lebensverlängerung. Es geht auch darum: Ein 85jähriger, der ein Karzinom hat, durchleidet dasselbe wie einer, der 50 ist.

Es macht keinen Sinn, die Empfehlung zum Koloskopie-Screening auf alle Menschen bis 100 Jahre auszudehnen. Daß dann also jeder alte Mensch aufgefordert würde, eine solche Untersuchung machen zu lassen. Aber wenn ein gesunder, älterer Mensch mit 80 sagt: Ich möchte eine Vorsorge-Koloskopie, dann würde ich ihm das nicht verweigern und sagen, das hat für sie keinen Sinn. Das wäre unärztlich und unethisch.

Auch ist die Vorbereitung zur Koloskopie für fitte alte Menschen kein Problem. Und die Komplikationsrate ist nicht höher bei Älteren, wenn sie nicht allzuviele Erkrankungen haben. Wenn ein alter Mensch etwa herzinsuffizient ist, einen Hochdruck und Diabetes hat, steigt natürlich das Risiko für Komplikationen.

Dann sollte man sich fragen, ob eine Vorsorge-Koloskopie sinnvoll ist. Die meisten älteren Menschen mit mehreren Krankheiten wollen aber ohnehin keine zusätzlichen Untersuchungen, wenn sie keine Symptome haben.

Grundsätzlich gilt: Alter ist kein Grund, irgendeine Maßnahme zu unterlassen. Die Zeit dieses Schubladendenkens ist vorbei.

Professor Jürgen F. Riemann ist der Direktor der Medizinischen Klinik C des Klinikums der Stadt Ludwigshafen. Riemann gehört zu den Gründern der Stiftung LebensBlicke. Die 1998 ins Leben gerufene Stiftung hat sich das Ziel gesetzt, die Zahl der Darmkrebs-Toten in Deutschland bis zum Jahr 2010 zu halbieren.

Quelle: Ärzte Zeitung

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Kategoriezuordnung: Allgemein · Artikel erstellt am: 24.07.2006
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