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Bei Behandlungsfehlern klären häufig außergerichtliche Schlichtungsstellen die Streitigkeiten zwischen Arzt und Patienten. Experten kritisieren dabei, dass Fehler nicht systematisch erfasst werden, denn nur dann könne man aus ihnen lernen. Der Fehler war eindeutig: ein vergessener Tupfer führte bei einer 47-jährigen Patientin zu einer Entzündung in der Bauchhöhle, zu Schmerzen und zur Entfernung des rechten Ovars. Die Frau wandte sich an die Schlichtungsstelle Nord für Arzthaftpflichtfragen – und bekam Recht. Gutachter und Schlichtungsstelle befanden das Vorgehen als „vermeidbar fehlerhaft“ und die Schadenersatzansprüche für begründet. Die Schlichtungsstelle empfahl eine außergerichtliche Regelung, im Klartext: kein Richter, aber Geld. Schlichtungsstelle klärt Streit zwischen Patient und Arzt Dieser Fall ist einer von rund 4.100 Anträgen, die die Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern jedes Jahr bearbeitet. In ihr sind die Landesärztekammern Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Saarland, Sachsen-Anhalt, Schleswig Holstein und Thüringen zusammengefasst. Ziel ist es, Streitigkeiten zwischen Arzt und Patienten außergerichtlich zu klären. „Die Schlichtungsstelle bewertet die vom Patienten vorgeworfene vermeintlich fehlerhafte Behandlung“, sagt Geschäftsführerin Kerstin Kols: „Was der Patient angibt, ist meist nur eine sehr kurze Schilderung des Sachverhalts. Er weiß vieles oft nicht, wie der Verlauf im Krankenhaus im Einzelnen war, und welche Ärzte beteiligt waren.“ Das Ausmaß an Fehlern ist nicht bekannt Wie häufig Ärzte in Deutschland Fehler machen und in welchem Ausmaß, ist nicht bekannt. Allenfalls gibt es Schätzungen: Von rund 12.000 nachgewiesenen Behandlungsfehlern geht das Robert-Koch-Institut aus, eine Annahme aus dem Jahr 2001. Was vor Gericht verhandelt oder von Versicherungen und Leistungserbringern entschädigt wird, taucht in keiner Statistik auf; allein die Schlichtungsstellen und die Gemeinschaft der Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) und des GKV-Spitzenverbands (MDS) sammeln ihre eigenen Fallzahlen. 15.094 fachärztliche Gutachten zu vermuteten Behandlungsfehlern haben die Medizinischen Dienste im Jahr 2017 erstellt. Max Skorning, Leiter Patientensicherheit bim MDS, fordert eine Meldepflicht für Behandlungsfehler. Max Skorning, Leiter Patienten-sicherheit beim MDS, fordert eine Meldepflicht für Behandlungsfehler. Auswertung von Behandlungsfehlern: Ein Muss „Es ist ein Unding“, sagt Max Skorning, Leiter der Patientensicherheit beim MDS, „dass selbst entschädigte Behandlungsfehler nicht systematisch erfasst werden. Wir fordern, dass Fälle von anerkannten ärztlichen Behandlungsfehlern gesammelt und ausgewertet werden müssen, um daraus zu lernen und sie künftig besser zu vermeiden.“ Das könne auch anonym geschehen, fügt der Experte hinzu. „Stellen Sie sich vor, in der Luftfahrt passiert ein Unfall, es werden ein paar Passagiere verletzt, die werden entschädigt, und damit wäre die Sache erledigt“, so Skorning. „Es gäbe keine Nachforschung und keine Dokumentation, andere würden nichts davon erfahren. Das wäre nicht möglich in der Luftfahrt. Die Probleme, die man kennt, werden stattdessen systematisch präventiv angegangen, damit der Fehler eben nicht noch einmal passiert.“ Und weiter: „Klare, schwerwiegende Fehler und auch leicht zu vermeidende Fehler, die auffallen und sogar entschädigt werden, verschwinden einfach als Einzelfälle im Aktenschrank.“ Er glaube deshalb, dass man Fehler kennen muss, um daraus lernen zu können. Man wisse zudem, dass die meisten Behandlungsfehler nicht vorgeworfen werden oder gar nicht auffallen. Eine Verwechslung von Medikamenten zum Beispiel: „Vielleicht fällt es dem Patienten sogar auf, doch aufgrund seines insgesamt schlechten Gesundheitszustands entscheidet er sich dazu, keinem einzelnen Fehlerverdacht nachzugehen“, sagt Skorning. „Wir haben also ohnehin eine hohe Dunkelziffer.“ Plädiert für außergerichtliche Einigung: Kerstin Kols. Die Juristin Kerstin Kols plädiert für außergerichtliche Einigung zwischen Arzt und Patient. Viel Aufwand für wenig Erkenntnis Kols sieht eine solche Meldepflicht skeptisch. Sie befürchtet einen hohen Verwaltungsaufwand für wenig neue Erkenntnisse, die Fehler seien bekannt. Schließlich hätten die Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen die Daten, sammeln diese und werten sie für die Ärzteschaft aus. „Eine Evaluation Ende 2016 mit dem Basisjahr 2011 hat belegt , dass sich nach unseren Bewertungen im Schlichtungsverfahren bei mehr als 85 Prozent der Fälle keine gerichtliche Auseinandersetzung mehr zwischen Arzt und Patient anschließt. Das Ergebnis wird offenbar ganz überwiegend von den Beteiligten akzeptiert“, so Kols. In den übrigen 15 Prozent der Fälle seien Klagen erfolgt, davon seien 60 Prozent so entschieden worden wie die der Schlichtungsstelle vorgeschlagen, 24 Prozent kamen zu einem anderen Urteil. Die restlichen Gerichtsverfahren seien noch anhängig. Experten überprüfen die Fälle Insgesamt gesehen dauerten Prüfungen von Arztfehlern durchschnittlich 16 Monate, sagt die Juristin: „Wird ein Vorwurf an uns herangetragen, so sieht sich zunächst einer unserer 68 Fachärzte den Fall an und es wird nach einem längeren Abstimmungsprozess mit allen Beteiligten ein Gutachter beauftragt. Wenn dieses zurückkommt, wird es mit der Möglichkeit zur Stellungnahme an alle Beteiligten verteilt. Diese schauen, ob es ihrer Ansicht nach Widersprüche oder Fehler gibt. Danach geht das Gutachten mit allen Stellungnahmen zu unserem ehrenamtlich tätigen Arzt, der sich alles noch einmal anschaut und im Hinblick auf inhaltliche Plausibilität hin prüft.“ Schließlich werde ein Entwurf der abschließenden Bewertung gefertigt, der von einem Juristen hinsichtlich der juristischen Fragestellungen ergänzt werde. Erst wenn Arzt und Jurist sich einig seien über das unverbindliche Ergebnis des Votums, erfolge die Versendung der Unterlagen an den Patienten, den Arzt bzw. das Krankenhaus und an den Haftpflichtversicherer, so Kols. „Auf diese Weise ist allen gedient“, sagt die Juristin. „Für den Patienten ist unser Verfahren gut, um eine kostenfreie qualitativ hochwertige Einschätzung zu bekommen, für den Arzt ist es ein Verfahren, das ihn nachhaltig vor schwieriger, langwieriger und kostenintensiver Auseinandersetzung schützt. Ein Vorwurf hat ja auch immer mit Reputationsverlust zu tun.“ Der Verlust von Ansehen und der Schaden könnten immens sein, gerade auch, wenn es eine Diskussion in der Öffentlichkeit gebe. „Wir lösen den Fall sachlich und objektiv, erklären, was passiert ist, und bereinigen damit auch viele Emotionen“, sagt Kols weiter. Jeder Eingriff eine Körperverletzung Emotionen spielen nicht nur auf Patientenseite eine Rolle – Ärzte sind laut Skorning oft unsicher in Bezug auf ihre Haftbarkeit: „Ein Fehler muss immer nachgewiesen werden und zwar vom Patienten, nicht vom Arzt. Zusätzlich muss der Patient einen Schaden nachweisen, der von dem Fehler ausgelöst worden ist. Und der Fehler muss nachweislich, nicht nur mit hoher Wahrscheinlichkeit, diesen Schaden ausgelöst haben.“ Die gefürchtete Beweislastumkehr, dass nämlich der Arzt nachweisen müsse, dass der Schaden nicht durch seinen Fehler ausgelöst worden sei, gebe es vor allem im Fall des seltenen „groben Behandlungsfehlers“, so Skorning. „Das wird nur relevant, wenn ein Fehler so eindeutig gegen ärztliche Standards oder Sorgfaltspflichten verstößt, dass es nur noch Kopfschütteln auslöst. Dass nicht mal ein Fehler vorliegt, der Arzt aber trotzdem haften muss, wie gelegentlich verbreitet wird, das gibt es nicht.“ Grundsätzlich sei jeder ärztlicher Eingriff eine Körperverletzung, sagt der Experte. Sie werde dadurch entschuldigt, dass der Patient aufgeklärt wird, einwilligt oder ein Notfall vorliegt, zum Beispiel bei einem Bewusstlosen. Man könne von einer Einwilligung ausgehen, etwa wenn der Eingriff zur Lebensrettung erforderlich ist. Wäre der Patient aber aufgeklärt worden, hätte nicht eingewilligt, und trotzdem wäre eine ärztliche Maßnahmen durchgeführt worden, dann sei dies natürlich eine Körperverletzung, die auch strafrechtlich relevant werden könne, so Skorning. Das alte Bild vom Gott in Weiß „Strafverfahren gegen Ärzte sind aber eine Rarität“, sagt er, „der Großteil der Verfahren ist im zivilrechtlichen Haftungsbereich angelegt. Da geht es nicht um Strafe, sondern darum, ob der Arzt bzw. seine Berufshaftpflichtversicherung eine Entschädigung zahlt.“ Davor, Fehler zuzugeben, sollten Ärzte keine Angst haben, im Gegenteil. In einer Kultur, in der wir wüssten, dass Fehler gemacht würden, sollten Ärzte selbstverständlich zu diesen stehen, ebenso wie auch die Haftpflichtversicherung einspringen und selbstverständlich den Schaden entschädigen sollte, so Skorning. „Das Problem ist historisch gewachsen. Es gibt noch immer dieses alte Bild vom Arzt als Gott in Weiß, der keine Fehler macht. Doch Ärzte sind Menschen, sie machen Fehler, gerade auch in der Kommunikation in der Zusammenarbeit in Teams passiert das.“ Meldepflicht für vermeidbare Ereignisse Dabei gebe es, sagt Skorning, eindeutige medizinische Fehler, wie etwa eine Seitenverwechselung. „Da muss nicht medizinisch begutachtet werden, ob links links und rechts rechts ist. Hier ist einfach ein Fehler passiert – und davon erfährt oft außer den Beteiligten niemand“, so Skorning. Der MDS wolle, dass Fehler bekannt gemacht würden, damit man bestmöglich wisse, wo und welche Präventions- und Sicherheitsmaßnahmen vorgenommen werden müssten. „Wir fordern deshalb eine Meldepflicht für vermeidbare, unerwünschte Ereignisse. Das ist ein feststehender medizinischer Begriff und bedeutet in der Regel nichts anderes als juristisch ausgedrückt ‚Behandlungsfehler mit resultierendem Schaden‘. Diese Fälle müssen ausgewertet werden. Gehen zum Beispiel die Zahlen von Seitenverwechslungen oder von zurückgebliebenen Tupfern zurück? Oder steigen sie möglicherweise sogar an? Das weiß in Deutschland kein Mensch.“