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Invasive Pilzinfektionen, etwa durch Candida albicans, sind für immungeschwächte Patienten eine ernstzunehmende Gesundheitsgefahr. Durch die Entdeckung sogenannter Vav-Proteine könnten Risikopatienten in Zukunft vorbeugend behandelt und Todesfälle verhindert werden. Normalerweise schützt ein kompliziertes Sicherheitssystem den Körper nicht nur gegen Viren und Bakterien sondern auch gegen Pilze. Im Rahmen der angeborenen Immunantwort werden die unterschiedlichsten Pilzarten von Makrophagen, dendritischen Zellen und neutrophilen Granulozyten fast immer schnell identifiziert, attackiert und binnen weniger Stunden beseitigt. Pilze tragen auf ihrer Zellwand bestimmte Strukturmerkmale, die die Immunzellen mithilfe spezieller Rezeptorproteine als körperfremd erkennen. Diese Interaktion setzt eine Signalkaskade in Gang, die die Immunzellen zur Produktion von Zytokinen und anderen Abwehrstoffen anregt. Signalweg reguliert Pilzabwehr Vor etwas mehr als zehn Jahren konnten Forscher um Jürgen Ruland, Direktor des Instituts für klinische Chemie und Pathobiochemie der Technischen Universität München, zum ersten Mal eine dieser für die Pilzbekämpfung wichtigen Signalkaskaden genauer charakterisieren. Dabei identifizierten sie das Protein Card9 als zentralen Bestandteil der Pilzabwehr. So leiden Menschen ohne funktionsfähiges Card9 massiv an Pilzinfektionen. „Nur wenn dieses Protein im Körper vorkommt, kann eine Immunreaktion ausgelöst werden, die dafür sorgt, dass die Pilzzellen zerstört werden“, sagt Ruland. Auf welche Weise die Rezeptorproteine jedoch Card9 nach der Pilzerkennung aktivieren, blieb ungeklärt. Nun haben Ruland und sein Team weitere Mitspieler der Signalkaskade gefunden. Wie die Forscher in einem Artikel im Fachmagazin Cell Reports berichten, müssen die sogenannten Vav-Proteine aktiv werden, bevor Card9 seine Funktion überhaupt ausüben kann. Im menschlichen Körper kommen drei dieser Proteine vor – Vav1, Vav2 und Vav3. Sie sind an vielen zellulären Prozessen beteiligt, bei denen die Weiterleitung von Signalen eine wichtige Rolle spielt. Genveränderte Mäuse sind anfälliger für Pilzinfektionen Rulands Team kam den Vav-Proteinen auf die Spur, als es Immunzellen aus der Maus mit Pilzbestandteilen vermischte und anschließend mithilfe biochemischer Methoden alle Proteine isolierte, die von den für die Pilzerkennung zuständigen Rezeptorproteine direkt aktiviert wurden. Anschließend untersuchten die Forscher bei Mäusen, wie diese auf eine Infektion mit dem bei Menschen häufig vorkommenden Hefepilz Candida albicans reagieren. Für ihre Experimente verwendeten Ruland und seine Mitarbeiter gentechnisch veränderte Tiere, die jeweils eines oder mehrere der Vav-Proteine nicht mehr produzieren konnten. Nachdem die Forscher die Tiere mit dem Hefepilz infiziert hatten, zeigte sich, dass die genveränderten Mäuse weniger Abwehrstoffe als normale Mäuse herstellten und sich in ihren Nieren die Erreger angesiedelt hatten. © J. Ruland Nierengewebeschnitte von normalen Mäusen (li.) und genveränderten Mäusen (Mitte). In der Vergrößerung (re.) sind die fadenförmigen Hefepilze gut zu erkennen. © J. Ruland Die Veränderungen waren umso ausgeprägter je mehr der einzelnen Vav-Proteine ausgefallen waren. „Wenn man Vav1 oder Vav2 ausschaltet, können die anderen beiden diesen Ausfall kompensieren. Fällt Vav3 aus, gelingt das nicht ganz so gut“, erklärt Ruland. „Funktioniert jedoch keines der drei Proteine mehr, dann ist die Abwehrschwäche massiv und die Tiere sterben nach wenigen Tagen, wenn sie sich mit einem Pilz infizieren.“ Wie die Vav-Proteine mit Card9 im Detail interagieren, konnten er und seine Mitarbeiter allerdings in dieser Studie nicht klären. Dass die Vav-Proteine für die angeborene Immunantwort gegen Pilzinfektionen auch bei Menschen wichtig sind, konnte Rulands Team in Kooperation mit Mihai Netea von der Radboud Universität in Nimwegen anhand von Patientendaten zeigen: Bei 227 Menschen, die an einer Infektion mit Candida-Hefepilzen erkrankt waren, war im Vergleich zu 176 nichterkrankten Menschen eine bestimmte Genvariante überproportional häufig vertreten. Diese sorgt dafür, dass Vav3 in einer leicht veränderten Form auftritt. „Auch bei Menschen scheint Vav3 wichtiger für die Pilzabwehr zu sein als die beiden anderen Mitglieder der Vav-Proteinfamilie“, sagt Ruland. Prophylaktische Behandlung bestimmter Patienten Er kann sich vorstellen, dass das Wissen über solche Varianten die Diagnostik von Risikopatienten verbessern könnte: „Immungeschwächte Patienten, die solche Veränderungen tragen, könnten engmaschiger beobachtet werden oder in bestimmten Situationen prophylaktisch antifungale Medikamente erhalten, um Pilzinfektionen zu verhindern.“ Als nächsten Schritt möchte Ruland noch genauer die Mechanismen des Card9-abhängigen Signalwegs und anderer ähnlicher Signalwege erforschen: „Viele Hinweise deuten darauf hin, dass diese Signalwege nicht nur für die normale Abwehr wichtig sind, sondern auch bei entzündlichen Erkrankungen überaktiv sind und auch bei einigen Tumorarten.“ Andere Experten halten die neue Studie für einen erheblichen Fortschritt: „Dank der neuen Ergebnisse verstehen wir noch besser, wie das Immunsystem auf Pilzinfektionen reagiert“, sagt Oliver Kurzai, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Invasive Pilzinfektionen am Leibniz-Institut in Jena. „Es ist eine große Stärke der Studie, dass Ruland und sein Team nicht nur im Mausmodell sondern auch bei Patienten zeigen konnten, dass die Vav-Proteinen einen Einfluss auf die Pilzabwehr haben.“ Angriffspunkt für zielgerichtete Medikamente? Kurzai findet ebenfalls, dass es sinnvoll ist, bestimmte Patientengruppen auf das Vorliegen von Vav-Varianten zu untersuchen, um sie gegebenenfalls vorbeugend zu behandeln. Seiner Ansicht nach eröffnen die neuen Erkenntnisse auch Möglichkeiten, um Substanzen zu entwickeln, mit deren Hilfe man eines Tages in diese Signalwege eingreifen und die Immunabwehr verstärken kann. „Pilze sind wichtige Sepsis-Erreger und verursachen viele Todesfälle. Neben einer besseren Diagnostik könnten auch zielgerichtete Medikamente dabei helfen, diese zu vermeiden“, so Kurzai. Quelle: Vav Proteins Are Key Regulators of Card9 Signaling for Innate Antifungal Immunity. Susanne Roth et al., Cell Reports, doi: 10.1016/j.celrep.2016.11.018; 2017 Artikel von

Patienten mit einer Herzinsuffizienz sollen zur Leistungssteigerung körperliches Training absolvieren. Sportmediziner fanden nun heraus, dass nicht die Trainingsform entscheidend ist, sondern ob die Patienten dabei qualifiziert betreut wurden. Die Herzinsuffizienz zählt in Deutschland zu den häufigsten Todesursachen. Als Folge dieser Erkrankung ist das Herz nicht mehr in der Lage, den Körper ausreichend mit Blut und Sauerstoff zu versorgen. Obwohl sich die Lebenserwartung von Herzinsuffizienz-Patienten in den vergangenen Jahren verbessert hat, verstirbt dennoch etwa die Hälfte innerhalb von vier Jahren nach der Diagnose. Bei der Behandlung der Herzmuskelschwäche stand lange Zeit die medikamentöse Therapie ganz klar im Vordergrund. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hat ein langsames Umdenken eingesetzt. Körperliches Training soll medikamentöse Therapie unterstützen Immer mehr Ärzte sehen im körperlichen Training eine Möglichkeit, den Herzmuskel zusätzlich zu stärken. „Medikamente sind die absolute Basis der Behandlung, darauf kann man nicht verzichten, aber körperliches Training macht die Patienten belastbarer und reduziert die Zahl weiterer Krankenhausaufenthalte“, sagt Martin Halle, ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin an der Technischen Universität München. „Das körperliche Training stärkt das Herz durch eine verbesserte Herzmuskelfunktion. Die Blutgefäße erweitern sich und es bilden sich zudem neue Blutgefäße.“ Nun haben er und ein internationales Team im Rahmen einer größeren klinischen Studie untersucht, wie sich unterschiedliche Formen von körperlichem Training auf das geschädigte Herz von Patienten mit einer Herzinsuffizienz auswirken. Wie die Forscher in einem Artikel im Fachmagazin Circulation mitteilen, konnten Patienten mit einem moderaten Ausdauertraining die gleichen Verbesserungen ihrer Herzleistung erzielen wie mit einem Intervalltraining bei hoher Intensität. Dieses Ergebnis steht im Widerspruch zu einer früheren Studie mit kleiner Teilnehmerzahl, die eine Überlegenheit des Intervalltrainings gezeigt hatte. An der aktuellen Studie nahmen 261 Probanden an neun Kliniken in Europa teil. Die Studienteilnehmer litten alle an einer Herzmuskelschwäche mit mittelschwerer bis schwerer Symptomatik und wurden in drei Gruppen eingeteilt. Überwachtes Training nur in den ersten zwölf Wochen Die erste Gruppe trainierte alleine zu Hause und besuchte alle drei Wochen ein Fitnesszentrum, um dort moderat zu trainieren. Die zweite und die dritte Gruppe trainierte dreimal pro Woche unter Überwachung in einem Fitnesszentrum. Von diesen beiden Gruppen trainierte dabei wiederum die eine Gruppe auf moderate Weise mit 60 bis 70 Prozent der maximalen Herzfrequenz, die andere Gruppe intensiv im Rahmen eines Intervalltrainings mit 90 bis 95 Prozent der maximalen Herzfrequenz. Alle Probanden führten ihr jeweiliges Trainingsprogramm zunächst über zwölf Wochen durch und erhielten dann von den Medizinern um Halle die Empfehlung, das Training in den folgenden 40 Wochen fortzuführen, ohne in diesem Zeitraum überwacht zu werden. 202 von 261 Patienten absolvierten die kompletten 52 Wochen, die anderen Patienten schieden aus verschiedenen Gründen vorzeitig aus der Studie aus. Training verbessert Sauerstoffaufnahme Zu Beginn der Studie, nach 12 und nach 52 Wochen, maßen die Mediziner bei allen Probanden Größe und Pumpleistung der linken Herzkammer sowie die maximale Sauerstoffaufnahmekapazität. Patienten, die an einem überwachten Training teilnahmen, egal, ob moderat oder intensiv, waren nach zwölf Wochen leistungsfähiger als diejenigen, die alleine trainierten. „Wir konnten bei diesen Patienten eine Verkleinerung der linken Herzkammer und damit eine Verbesserung der Pumpfunktion beobachten“, sagt Halle. „Sowohl die maximale Sauerstoffaufnahmekapazität als auch ihre allgemeine körperliche Verfassung verbesserten sich ebenfalls.“ Er und die anderen Mediziner konnten zu ihrer Überraschung jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen einem Intervalltraining bei hoher Intensität und einem Ausdauertraining bei moderater Intensität feststellen. Warum das so ist, kann Halle momentan noch nicht erklären, da gesunde Menschen mit einem Intervalltraining größere Effekte erzielen als mit einem moderaten Ausdauertraining. Trainingsbereitschaft der Patienten verringert sich Die Anzahl von ernsten Zwischenfällen war bei den Patienten, die mit hoher Intensität trainierten, höher als bei den Patienten, die moderat trainierten. Dieser Unterschied war statistisch nicht signifikant. Um diesen Aspekt mit einer genügend großen statistischen Aussagekraft zu beurteilen, werden deshalb Studien mit einer noch größeren Patientenzahl benötigt. Solange die Frage, ob Intervalltraining mit hoher Intensität genauso sicher ist, nicht eindeutig beantworten werden kann, empfiehlt Halle Herzinsuffizienz-Patienten ein moderates Ausdauertraining. Am besten sollten die Patienten dabei unter Betreuung durch ausgebildete Fachkräfte trainieren. Im Rahmen der Studie zeigte sich nach 52 Wochen, dass die Patienten aus den beiden anfangs überwachten Gruppen ihre im Vergleich zu den alleine trainierenden Patienten erzielten Leistungsverbesserungen nicht aufrecht halten konnten. Halle hofft, dass die Ergebnisse der aktuellen Studie dazu beitragen, dass mehr Patienten mit einer Herzmuskelschwäche als bisher mit einem körperlichen Training beginnen. Er schätzt, dass sich momentan maximal 20 Prozent dieser Patienten in Deutschland sportlich betätigen. Patienten haben Wahl zwischen verschiedenen Trainingsformen Andere Experten bewerten die Untersuchung von Halle und seinen Kollegen positiv: „Die Studie ist methodisch gut gemacht und die Ergebnisse ergeben Sinn“, sagt Josef Niebauer, Leiter des Instituts für präventive und rehabilitative Sportmedizin des Universitätsklinikum Salzburg. Warum das Intervalltraining nicht besser abschneidet als das moderate Ausdauertraining, dafür hat Niebauer eine einfache Erklärung: „Herzinsuffizienz-Patienten sind krank und limitiert, die werden durch körperliches Training ihre Leistungsfähigkeit verbessern, fast egal, was sie tun.“ Das, so der Sportmediziner, sage letztendlich die Studie aus, und das sei auch eine gute Botschaft für alle Patienten, die, wenn sie wollten, vielfältig trainieren könnten und sich nicht auf eine bestimmte Trainingsform beschränken müssten. Präventionszentren fehlen Nach Ansicht von Niebauer zeigt die Studie aber auch ganz klar, dass es nicht damit getan ist, die Patienten für kurze Zeit unter Aufsicht trainieren zu lassen und diese dann sich selbst zu überlassen. Hier sieht er einen grundsätzlichen Fehler im deutschen Gesundheitssystem: „Bei einer medikamentösen Therapie kontrolliert der behandelnde Arzt regelmäßig, ob beim Patient ein Arzneimittel weiterhin wirkt oder ob dessen Dosierung geändert werden muss“, erklärt Niebauer. „Wir müssen deshalb eine Infrastruktur mit genügend Präventionszentren schaffen, die die Patienten regelmäßig aufsuchen und wo sie unter fachkundiger Überwachung therapiegetreu trainieren können. Am besten kombiniert mit einem finanziellen Belohnungssystem, das die Patienten zusätzlich motiviert.“ Eigentlich, so Niebauer, brauche es keine weiteren Studien, um das zu beweisen, denn es sei mittlerweile klar, dass regelmäßiges sportliches Training die körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität der Patienten nicht nur bei Herzinsuffizienz, sondern auch bei vielen anderen Krankheiten deutlich verbessere.

Wer früher in jungen Jahren an Darmkrebs erkrankte, galt als Ausnahme. Nun zeigen US-amerikanische Studien, dass immer mehr junge Erwachsene von der Krankheit betroffen sind. Eine Erklärung könnte Übergewicht im Jugendalter sein. Noch in den 1970er Jahren galten Darmkrebserkrankungen vor dem 50. Lebensjahr als Ausnahmefall. Das hat sich geändert: US-amerikanische Studien zeigen, dass immer mehr junge Erwachsene von der Krankheit betroffen sind. Auch das Rektumkarzinom tritt immer häufiger bei Menschen zwischen 30 und 50 Jahren auf. Ein Grund dafür könnte die Zunahme von stark übergewichtigen Jugendlichen sein. Darmkrebsrisiko in 40 Jahren verdoppelt Eine amerikanische Studie, die im Februar 2017 veröffentlicht wurde, zeigte: Wer im Jahr 1990 geboren wurde, hat ein doppelt so hohes Risiko, an Darmkrebs zu erkranken wie Menschen, die um das Jahr 1950 zur Welt kamen. Das Risiko, an einem Rektumkarzinom zu erkranken, ist für die 1990 Geborenen sogar viermal so hoch. Aktuell sind in den USA etwa 3 von 10 Menschen, bei denen ein Rektumkarzinom diagnostiziert wird, jünger als 55 Jahre. Steigende Inzidenz bei Menschen unter 50 seit 1986 Die Studie erfasste die Kolonkarzinom-Inzidenz zwischen 1974 und 2013 und nutzte Daten von 490.305 Erwachsenen mit Kolonkarzinom aus der SEER-Datenbank (Surveillance, Epidemiology and End Results). Vor den frühen 1980er Jahren nahm die Inzidenz für Menschen unter 50 Jahren ab – für Menschen über 50 jedoch zu. Ab dem Jahr 1986 verzeichnete das Studienteam eine Trendwende: Von diesem Zeitpunkt an bis zum Ende des Beobachtungszeitraums im Jahr 2013 sank zwar die Inzidenz für Kolonkarzinome bei Personen, die älter als 55 waren. Bei den 20 bis 29-Jährigen stieg sie jedoch um 2,4 % pro Jahr, bei den 30 bis 39-Jährigen um 1 % pro Jahr. Welches Thema vermisst du in den DocCheck News? Noch dramatischer stellte sich die Situation für die jüngeren Erwachsenen beim Rektumkarzinom dar: Hier zeichnete sich eine Zunahme der Krebsfälle für junge Erwachsene bereits zu Beginn des Beobachtungszeitraums (ab 1974) ab. So stieg die Inzidenz pro Jahr bei den 20 bis 29-Jährigen um 3,2 %. Aufklärungskampagnen für Ärzte und Patienten gefordert Die logische Konsequenz für die Studienautoren lautet: „Wir brauchen Aufklärungskampagnen für Ärzte und für die Bevölkerung, die darauf hinweisen, dass Darmkrebs auch für jüngere Erwachsene ein Thema ist“, so Studienleiterin Rebecca Siegel von der American Cancer Society. Frühe Diagnosen seien gerade bei jungen Menschen ausschlaggebend für eine erfolgreiche Therapie. Um dem Trend der frühen Erkrankungen entgegenzusteuern, schlägt Siegel eine flächendeckende Aufklärung vor, die die Wichtigkeit einer gesunden Ernährungsweise und eines aktiven Lebensstils betont. Außerdem sollte das Mindestalter für Krebsvorsorgeuntersuchungen überdacht werden. Neben Tabakrauch gelten Übergewicht und eine ballaststoffarme Ernährung als Hauptrisikofaktoren für die Entstehung von Darmkrebs. Israelische Soldatenrekrutierung liefert wertvolle Gesundheitsdaten Eine Studie aus Israel bestätigt, dass Fettleibigkeit im Jugendalter einer der Hauptrisikofaktoren für das Auftreten von Darmkrebs vor dem 50. Geburtstag sein könnte. In Israel besteht für alle jungen Männer und Frauen Wehrpflicht. Zwischen 16 und 19 Jahren, meistens mit 17 Jahren, werden im Zuge der Musterung unter anderem Körpergröße und Gewicht erfasst. Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben nun den Body-Mass-Index von 1.087.358 Männern und 707.212 Frauen ermittelt, die in den Jahren 1967 und 2002 gemustert wurden. Die Zahlen glichen sie mit späteren Einträgen im Krebsregister des Landes ab, dort werden auch alle Darmkrebserkrankungen in Isreal erfasst. Im Beobachtungszeitraum von median 23 Jahren erhielten 1.977 Männer und 990 Frauen die Diagnose Darmkrebs. Überdurchschnittlich viele der Betroffenen waren zum Zeitpunkt der Musterung übergewichtig oder gar fettleibig gewesen. Für übergewichtige oder adipöse Jugendliche ergab sich so ein um 50 % erhöhtes Risiko, unter 50 Jahren an einem Kolonkarzinom zu erkranken. Beim Rektumkarzinom waren die Zahlen noch erschreckender: Adipöse männliche Teenager wiesen ein um etwa 70 % erhöhtes Risiko auf, daran zu erkranken, fettleibige Mädchen sogar ein um 100 % erhöhtes Risiko. Fettleibigkeit könnte ein Hauptrisikofaktor für die Entstehung von Darmkrebs sein. In den dunkelgrün markierten Staaten ist bereits etwa jede 3. Frau adipös. Fettleibigkeit könnte ein Hauptrisikofaktor für die Entstehung von Darmkrebs sein. In den dunkelgrün markierten Staaten ist bereits etwa jede 3. Frau adipös. In den dunkelgrün markierten Staaten ist bereits etwa jeder 3. Mann adipös. In den dunkelgrün markierten Staaten ist bereits etwa jeder 3. Mann adipös. Die israelische Studie weist jedoch ein paar Schwachpunkte auf: Zum einen kann sie nicht klären, welche Faktoren (wie etwa Bewegungsmangel, Stoffwechselstörungen oder Ernährungsparameter), die bei den Jugendlichen zu Übergewicht oder Fettleibigkeit geführt hatten, für die Entstehung der Krebserkrankungen verantwortlich sind. Zum anderen waren die Studienteilnehmer zum Ende des Beobachtungszeitraumes erst durchschnittlich 49 Jahre alt und hatten den Altersgipfel für Darmkrebs noch nicht erreicht. Die Datenlage könnte sich also im Laufe der nächsten Jahre noch verändern und die beobachteten Assoziationen könnten sich somit als nicht mehr schlüssig erweisen. Auch familiäre Vorbelastungen wurden in der Studie nicht erfasst. Muss Deutschland umdenken? Laut Angaben des Robert Koch-Institutes erkrankten Frauen in Deutschland im Jahr 2010 im Mittel mit 75 Jahren an Darmkrebs, Männer mit 71 Jahren. Mehr als die Hälfte der Betroffenen erhielt die Diagnose nach dem 70., und nur etwa 10 % vor dem 55. Lebensjahr. Ob sich der Trend zu einer frühen Darmkrebserkrankung und die Assoziation zu Adipositas und Übergewicht im Jugendalter auch in Deutschland zeigen wird, bleibt abzuwarten. Laut Angaben der Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) waren hierzulande im Jahr 2014 bereits 21,9 % der erwachsenen Bevölkerung adipös – Tendenz steigend. Im Moment tragen die gesetzlichen Versicherungen die Kosten einer Koloskopie als Darmkrebsvorsorge ab dem 56. Lebensjahr. Ist der Befund unauffällig, ist eine Nachfolgeuntersuchung auf Kosten der Kassen frühestens 10 Jahre danach möglich. Zwischen dem 50. Und dem 55. Lebensjahr bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen einen fäkalen Okkultblut-Test pro Jahr. Ob diese Altersgrenzen angesichts der veränderten Erkrankungsstatistiken noch sinnvoll sind, sollte hinterfragt werden. Quellen: Colorectal cancer incidence patterns in the United States, 1974-2013; Rebecca L. Siegel et al.; AJ Natl Cancer Inst, doi: 10.1093/jnci/djw322; 2017 Adolescent body mass index and risk of colon and rectal cancer in a cohort of 1.79 million Israeli men and women: A population-based study. Zohar Levi et al.; Journal of the National Cancer Institute, doi: 10.1002/cncr.30819; 2017

Bei Behandlungsfehlern klären häufig außergerichtliche Schlichtungsstellen die Streitigkeiten zwischen Arzt und Patienten. Experten kritisieren dabei, dass Fehler nicht systematisch erfasst werden, denn nur dann könne man aus ihnen lernen. Der Fehler war eindeutig: ein vergessener Tupfer führte bei einer 47-jährigen Patientin zu einer Entzündung in der Bauchhöhle, zu Schmerzen und zur Entfernung des rechten Ovars. Die Frau wandte sich an die Schlichtungsstelle Nord für Arzthaftpflichtfragen – und bekam Recht. Gutachter und Schlichtungsstelle befanden das Vorgehen als „vermeidbar fehlerhaft“ und die Schadenersatzansprüche für begründet. Die Schlichtungsstelle empfahl eine außergerichtliche Regelung, im Klartext: kein Richter, aber Geld. Schlichtungsstelle klärt Streit zwischen Patient und Arzt Dieser Fall ist einer von rund 4.100 Anträgen, die die Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern jedes Jahr bearbeitet. In ihr sind die Landesärztekammern Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Saarland, Sachsen-Anhalt, Schleswig Holstein und Thüringen zusammengefasst. Ziel ist es, Streitigkeiten zwischen Arzt und Patienten außergerichtlich zu klären. „Die Schlichtungsstelle bewertet die vom Patienten vorgeworfene vermeintlich fehlerhafte Behandlung“, sagt Geschäftsführerin Kerstin Kols: „Was der Patient angibt, ist meist nur eine sehr kurze Schilderung des Sachverhalts. Er weiß vieles oft nicht, wie der Verlauf im Krankenhaus im Einzelnen war, und welche Ärzte beteiligt waren.“ Das Ausmaß an Fehlern ist nicht bekannt Wie häufig Ärzte in Deutschland Fehler machen und in welchem Ausmaß, ist nicht bekannt. Allenfalls gibt es Schätzungen: Von rund 12.000 nachgewiesenen Behandlungsfehlern geht das Robert-Koch-Institut aus, eine Annahme aus dem Jahr 2001. Was vor Gericht verhandelt oder von Versicherungen und Leistungserbringern entschädigt wird, taucht in keiner Statistik auf; allein die Schlichtungsstellen und die Gemeinschaft der Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) und des GKV-Spitzenverbands (MDS) sammeln ihre eigenen Fallzahlen. 15.094 fachärztliche Gutachten zu vermuteten Behandlungsfehlern haben die Medizinischen Dienste im Jahr 2017 erstellt. Max Skorning, Leiter Patientensicherheit bim MDS, fordert eine Meldepflicht für Behandlungsfehler. Max Skorning, Leiter Patienten-sicherheit beim MDS, fordert eine Meldepflicht für Behandlungsfehler. Auswertung von Behandlungsfehlern: Ein Muss „Es ist ein Unding“, sagt Max Skorning, Leiter der Patientensicherheit beim MDS, „dass selbst entschädigte Behandlungsfehler nicht systematisch erfasst werden. Wir fordern, dass Fälle von anerkannten ärztlichen Behandlungsfehlern gesammelt und ausgewertet werden müssen, um daraus zu lernen und sie künftig besser zu vermeiden.“ Das könne auch anonym geschehen, fügt der Experte hinzu. „Stellen Sie sich vor, in der Luftfahrt passiert ein Unfall, es werden ein paar Passagiere verletzt, die werden entschädigt, und damit wäre die Sache erledigt“, so Skorning. „Es gäbe keine Nachforschung und keine Dokumentation, andere würden nichts davon erfahren. Das wäre nicht möglich in der Luftfahrt. Die Probleme, die man kennt, werden stattdessen systematisch präventiv angegangen, damit der Fehler eben nicht noch einmal passiert.“ Und weiter: „Klare, schwerwiegende Fehler und auch leicht zu vermeidende Fehler, die auffallen und sogar entschädigt werden, verschwinden einfach als Einzelfälle im Aktenschrank.“ Er glaube deshalb, dass man Fehler kennen muss, um daraus lernen zu können. Man wisse zudem, dass die meisten Behandlungsfehler nicht vorgeworfen werden oder gar nicht auffallen. Eine Verwechslung von Medikamenten zum Beispiel: „Vielleicht fällt es dem Patienten sogar auf, doch aufgrund seines insgesamt schlechten Gesundheitszustands entscheidet er sich dazu, keinem einzelnen Fehlerverdacht nachzugehen“, sagt Skorning. „Wir haben also ohnehin eine hohe Dunkelziffer.“ Plädiert für außergerichtliche Einigung: Kerstin Kols. Die Juristin Kerstin Kols plädiert für außergerichtliche Einigung zwischen Arzt und Patient. Viel Aufwand für wenig Erkenntnis Kols sieht eine solche Meldepflicht skeptisch. Sie befürchtet einen hohen Verwaltungsaufwand für wenig neue Erkenntnisse, die Fehler seien bekannt. Schließlich hätten die Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen die Daten, sammeln diese und werten sie für die Ärzteschaft aus. „Eine Evaluation Ende 2016 mit dem Basisjahr 2011 hat belegt , dass sich nach unseren Bewertungen im Schlichtungsverfahren bei mehr als 85 Prozent der Fälle keine gerichtliche Auseinandersetzung mehr zwischen Arzt und Patient anschließt. Das Ergebnis wird offenbar ganz überwiegend von den Beteiligten akzeptiert“, so Kols. In den übrigen 15 Prozent der Fälle seien Klagen erfolgt, davon seien 60 Prozent so entschieden worden wie die der Schlichtungsstelle vorgeschlagen, 24 Prozent kamen zu einem anderen Urteil. Die restlichen Gerichtsverfahren seien noch anhängig. Experten überprüfen die Fälle Insgesamt gesehen dauerten Prüfungen von Arztfehlern durchschnittlich 16 Monate, sagt die Juristin: „Wird ein Vorwurf an uns herangetragen, so sieht sich zunächst einer unserer 68 Fachärzte den Fall an und es wird nach einem längeren Abstimmungsprozess mit allen Beteiligten ein Gutachter beauftragt. Wenn dieses zurückkommt, wird es mit der Möglichkeit zur Stellungnahme an alle Beteiligten verteilt. Diese schauen, ob es ihrer Ansicht nach Widersprüche oder Fehler gibt. Danach geht das Gutachten mit allen Stellungnahmen zu unserem ehrenamtlich tätigen Arzt, der sich alles noch einmal anschaut und im Hinblick auf inhaltliche Plausibilität hin prüft.“ Schließlich werde ein Entwurf der abschließenden Bewertung gefertigt, der von einem Juristen hinsichtlich der juristischen Fragestellungen ergänzt werde. Erst wenn Arzt und Jurist sich einig seien über das unverbindliche Ergebnis des Votums, erfolge die Versendung der Unterlagen an den Patienten, den Arzt bzw. das Krankenhaus und an den Haftpflichtversicherer, so Kols. „Auf diese Weise ist allen gedient“, sagt die Juristin. „Für den Patienten ist unser Verfahren gut, um eine kostenfreie qualitativ hochwertige Einschätzung zu bekommen, für den Arzt ist es ein Verfahren, das ihn nachhaltig vor schwieriger, langwieriger und kostenintensiver Auseinandersetzung schützt. Ein Vorwurf hat ja auch immer mit Reputationsverlust zu tun.“ Der Verlust von Ansehen und der Schaden könnten immens sein, gerade auch, wenn es eine Diskussion in der Öffentlichkeit gebe. „Wir lösen den Fall sachlich und objektiv, erklären, was passiert ist, und bereinigen damit auch viele Emotionen“, sagt Kols weiter. Jeder Eingriff eine Körperverletzung Emotionen spielen nicht nur auf Patientenseite eine Rolle – Ärzte sind laut Skorning oft unsicher in Bezug auf ihre Haftbarkeit: „Ein Fehler muss immer nachgewiesen werden und zwar vom Patienten, nicht vom Arzt. Zusätzlich muss der Patient einen Schaden nachweisen, der von dem Fehler ausgelöst worden ist. Und der Fehler muss nachweislich, nicht nur mit hoher Wahrscheinlichkeit, diesen Schaden ausgelöst haben.“ Die gefürchtete Beweislastumkehr, dass nämlich der Arzt nachweisen müsse, dass der Schaden nicht durch seinen Fehler ausgelöst worden sei, gebe es vor allem im Fall des seltenen „groben Behandlungsfehlers“, so Skorning. „Das wird nur relevant, wenn ein Fehler so eindeutig gegen ärztliche Standards oder Sorgfaltspflichten verstößt, dass es nur noch Kopfschütteln auslöst. Dass nicht mal ein Fehler vorliegt, der Arzt aber trotzdem haften muss, wie gelegentlich verbreitet wird, das gibt es nicht.“ Grundsätzlich sei jeder ärztlicher Eingriff eine Körperverletzung, sagt der Experte. Sie werde dadurch entschuldigt, dass der Patient aufgeklärt wird, einwilligt oder ein Notfall vorliegt, zum Beispiel bei einem Bewusstlosen. Man könne von einer Einwilligung ausgehen, etwa wenn der Eingriff zur Lebensrettung erforderlich ist. Wäre der Patient aber aufgeklärt worden, hätte nicht eingewilligt, und trotzdem wäre eine ärztliche Maßnahmen durchgeführt worden, dann sei dies natürlich eine Körperverletzung, die auch strafrechtlich relevant werden könne, so Skorning. Das alte Bild vom Gott in Weiß „Strafverfahren gegen Ärzte sind aber eine Rarität“, sagt er, „der Großteil der Verfahren ist im zivilrechtlichen Haftungsbereich angelegt. Da geht es nicht um Strafe, sondern darum, ob der Arzt bzw. seine Berufshaftpflichtversicherung eine Entschädigung zahlt.“ Davor, Fehler zuzugeben, sollten Ärzte keine Angst haben, im Gegenteil. In einer Kultur, in der wir wüssten, dass Fehler gemacht würden, sollten Ärzte selbstverständlich zu diesen stehen, ebenso wie auch die Haftpflichtversicherung einspringen und selbstverständlich den Schaden entschädigen sollte, so Skorning. „Das Problem ist historisch gewachsen. Es gibt noch immer dieses alte Bild vom Arzt als Gott in Weiß, der keine Fehler macht. Doch Ärzte sind Menschen, sie machen Fehler, gerade auch in der Kommunikation in der Zusammenarbeit in Teams passiert das.“ Meldepflicht für vermeidbare Ereignisse Dabei gebe es, sagt Skorning, eindeutige medizinische Fehler, wie etwa eine Seitenverwechselung. „Da muss nicht medizinisch begutachtet werden, ob links links und rechts rechts ist. Hier ist einfach ein Fehler passiert – und davon erfährt oft außer den Beteiligten niemand“, so Skorning. Der MDS wolle, dass Fehler bekannt gemacht würden, damit man bestmöglich wisse, wo und welche Präventions- und Sicherheitsmaßnahmen vorgenommen werden müssten. „Wir fordern deshalb eine Meldepflicht für vermeidbare, unerwünschte Ereignisse. Das ist ein feststehender medizinischer Begriff und bedeutet in der Regel nichts anderes als juristisch ausgedrückt ‚Behandlungsfehler mit resultierendem Schaden‘. Diese Fälle müssen ausgewertet werden. Gehen zum Beispiel die Zahlen von Seitenverwechslungen oder von zurückgebliebenen Tupfern zurück? Oder steigen sie möglicherweise sogar an? Das weiß in Deutschland kein Mensch.“

Tausende bewerben sich jährlich vergeblich auf einen Medizinstudienplatz. Die meisten müssen lange warten – manchmal mehr als sieben Jahre. Jetzt prüft das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, ob der Numerus clausus als Auswahlkriterium gegen das Grundgesetz verstößt. Mit der Frage, ob der Numerus clausus als Zulassungsvoraussetzung für das Medizinstudium mit dem Grundgesetz vereinbar ist, befasst sich derzeit das Bundesverfassungsgericht. Der Grund: Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen fand, die bisherige Regelung verstoße gegen das Grundgesetz und wandte sich an die oberste gerichtliche Instanz. InsiteFollowMap Philips Healthcare Die Richter in Karlsruhe holen derzeit die Meinungen von Hochschulen, Verbänden und Gewerkschaften ein, am 4. Oktober wird es dann eine öffentliche Anhörung geben. Studienplätze der Humanmedizin sind begehrt: Im Wintersemester 2014/2015 bewarben sich rund 43.000 Bewerber auf 9.000 Studienplätze, so das Gericht, die Wartezeit betrage 15 Semester – das sind mehr als sieben Jahre. „Derzeit vergibt die Stiftung für Hochschulzulassung die Studienplätze für die Studiengänge Medizin, Zahnmedizin, Tiermedizin und Pharmazie im Zentralen Vergabeverfahren,“ sagt Verena Hoppe, Sprecherin des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und somit des Verwaltungsgerichts: „20 Prozent der Studienplätze werden in der Abiturbestenquote, weitere 20 Prozent der Studienplätze in der Wartezeitquote und 60 Prozent der Studienplätze im Auswahlverfahren der Hochschulen vergeben.“ Innerhalb der Abiturbestenquote bestehe keine bundeseinheitliche Notenrangliste, so Hoppe, es werde für jedes Bundesland getrennt eine eigene Notenrangliste aufgestellt. „Das Abitur wird bundeseinheitlich von allen Ländern als Studienberechtigung anerkannt. Der Verzicht auf eine bundeseinheitliche Notenrangliste aber wird damit begründet, dass die unterschiedlichen Schulsysteme zu einer Verzerrung der Konkurrenz führen könnten“, so die Sprecherin. Knackpunkt Abiturbestenquote Die Abiturbestenquote ergibt sich aus den besten Noten und, bei gleicher Note, der Wartezeit. „Die Stiftung für Hochschulzulassung stellt nun für jedes Bundesland getrennt eine Rangliste auf“, erklärt Pressesprecher Patrick Holtermann: „Die für die Abiturbesten verfügbaren Studienplätze jeder Universität werden addiert und nach einem festgelegten Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer aufgeteilt. Um diese Plätze konkurrieren die Abiturienten, die in diesem Bundesland Abitur gemacht haben. Am Ende dieses Auswahlverfahrens stehen dann 16 manchmal unterschiedliche Auswahlgrenzen (Landes-NC).“ Durch dieses Verfahren werde gewährleistet, dass nur Studienbewerber eines Landes miteinander konkurrieren, die unter gleichen Lehrplanbedingungen ihre Studienberechtigung erworben haben, sagt Holtermann: „Jede der drei Hauptquoten besitzt ihre eigene Systematik. Landesquoten kommen nur beim Prozess der Abiturbestenquote zum Einsatz.“ Nicht vergleichbar und ungerecht Die Richter in Gelsenkirchen sehen in der jetzigen Regelung gleich mehrere Kritikpunkte. Zum Einen befanden sie, die Abiturnoten seien bundesweit nicht vergleichbar, so dass es unterschiedliche Landesquoten brauche, damit das System gerecht sei. Diese Aussage bezieht sich aber auf das eigene Auswahlverfahren der Hochschulen, die keine Landesquoten bilden, sondern 60 Prozent der Studienplätze über Abiturbestenquote und der Wartezeitquote vergeben. Zum Zweiten kritisiert das Verwaltungsgericht, dass die Abiturnote selbst eine zu große Rolle bei der Auswahl geeigneter Bewerber spielt. Zudem stellten sie infrage, ob die Rechtssprechung insgesamt fortentwickelt werden müsse: Das Bundesverfassungsgericht hatte zuletzt 1972 entsprechende Kriterien ausgearbeitet auf der Grundlage des in Art. 12 Abs. 1 Satz 1 GG gewährleisteten Rechts auf freie Wahl des Berufes. Daraus resultierte ein Recht auf Zulassung zum Hochschulstudium und die Auflage, die Auswahl der Bewerber müsse sachgerecht sein und jedem eine Chance bieten. Die Abinote ist nicht alles Die Gelsenkirchener Richter stehen damit nicht allein da: Der Deutsche Hochschulverband (DHV) etwa hält die derzeitige prädominante Orientierung an der Abiturnote für nicht zielführend: „Die Durchschnittsnoten der Abiturzeugnisse differieren in den Bundesländern um bis zu einer halben Note“, so Sprecher Matthias Jaroch. Eine Landesquote auch bei den Hochschulen solle die Differenz ausgleichen. Zudem möchte der DHV persönliche Auswahlgespräche einführen, damit neben den intellektuellen Fähigkeiten auch die soziale und empathische Kompetenz geprüft werde: „Die Studienmotivation und die charakterliche Eignung, die für ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis erforderlich ist, können durch die Abiturdurchschnittsnote allein nicht abgebildet werden“, meint Jaroch. Status quo unzumutbar Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) findet, die Wartezeitquote erfülle zwar das Grundrecht auf freie Berufswahl, es könne aber bei einer Wartezeit von mittlerweile 13 Semestern kaum noch von zumutbaren Kriterien gesprochen werden. „Das aktuelle Verfahren der Wartezeitquote muss also dringend in ein anderes Verfahren überführt werden, das für Medizinstudium gut geeignete Bewerber schon frühzeitig erkennt“, sagt Isabel Molwitz, Vizepräsidentin für Externes. „Gute Abiturnoten gehen nicht zwangsläufig mit guten Studienleistungen einher, auch wenn ein Zusammenhang zwischen der Abiturdurchschnittsnote und dem erfolgreichen Abschluss des Medizinstudiums besteht“, so Molwitz. Die bvmd lehne die Abiturbestenquote ab, da so keine Aussage über die Eignung zum Medizinstudium getroffen werden könne. „Wir fordern daher schon seit Jahren eine grundlegende Reform des Auswahlverfahrens zum Medizinstudium, weg von der bisherigen Vergabe der Studienplätze in den drei Quoten, hin zu einem einheitlichen Auswahlverfahren unter Berücksichtigung verschiedener Kriterien, dass allen Bewerbern mit Hochschulzulassung eine faire Chance einräumt“, sagt Molwitz. Bitte nicht einfrieren Ähnlich sieht es der Marburger Bund: „Der stark gestiegene NC und die zunehmende Zahl notwendiger Wartesemester haben berechtigte Zweifel an der bisherigen Studienplatzvergabe im Fach Humanmedizin hervorgerufen“, sagt Sprecher Hans-Jörg Freese. Er plädiert für eine neue Quote, bestehend aus Abiturnote und Auswahlverfahren der Hochschulen. „Darin sollen die Ergebnisse des Schulabschlusses niedriger und Auswahlkriterien mit entsprechender Aussagekraft, wie beispielsweise Sozialkompetenz und Motivation, stärker und möglichst bundeseinheitlich berücksichtigt werden“, so Freese. Der Marburger Bund halte es auch versorgungspolitisch für problematisch, die Studienkapazitäten auf einem Niveau einzufrieren, wie es Mitte der 1980er Jahre in der Zeit vor der Deutschen Einheit bestand. Nehme man diesen Stand zum Maßstab, so müssten heute unter Einbeziehung der medizinischen Fakultäten in den ostdeutschen Bundesländern rechnerisch mindestens 16.000 Plätze pro Jahr zur Verfügung stehen. „Stattdessen gibt es gegenwärtig jährlich etwa 10.600 Plätze für Studienanfänger“, sagt Freese, „dabei wächst der Ersatzbedarf an Ärzten von Jahr zu Jahr, nicht nur wegen des allgemeinen demografischen Wandels, sondern vor allem auch wegen der Ruhestandswelle, die auf die Ärzteschaft zurollt, wenn die Babyboomer-Generation in zehn bis 15 Jahren aus dem Beruf ausscheidet.“ Der Marburger Bund ist für eine Erhöhung der Anzahl der Studienplätze um mindestens zehn Prozent. Gute Lösung – in weiter Ferne Die bvmd macht es konkret: Zusammen mit dem Medizinischen Fakultätentag (MFT) hat sie ein Konzept zur Reform der Zulassung erarbeitet. „Die bisher bestehenden drei Quoten für die Abiturbesten, das Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH) und die Wartezeitquote sollten zu einer zentralen deutschlandweiten Auswahlstufe zusammengeführt werden,“ heißt es in der aktuellen Pressemitteilung der bvmd vom 23. August 2017. Gemeinsam schlagen sie vor, bei der Auswahl in unterschiedlicher Gewichtung die Abiturdurchschnittsnote, Studierfähigkeitstest (TMS, HAM-Nat), berufspraktische Erfahrung oder einen staatlich anerkannten Freiwilligendienst zu berücksichtigen. Für diese Kriterien würden jeweils Punkte vergeben und daraus eine bundesweite Reihenfolge der Bewerber erstellt. Für Tausende Bewerber, die aktuell auf einen Studienplatz hoffen, ist eine schnelle Lösung nicht in Sicht: „Nach der Anhörung am 4. Oktober gehen sicher noch einige Monate ins Land, bevor das Bundesverfassungsgericht zu einem Urteil kommt“, sagt Pressesprecher Michael Allmendinger. Umgesetzt werden müsste es anschließend dann auch noch. Besonders begrüße ich den Ansatz der Studierfähigkeits-Tests, sowie des freiwilligen, anerkannten Jahres. solches läuft durchaus schon lange in Groß-Britannien und die Studenten werden somit zuerst in die harten Fakten der Realität geführt. Vor über 40 Jahren galt ein mehr- jähriges Arbeiten als Vorexamen ,durch Praxis in einer Apotheke, auch als Voraussetzung für das Pharmazie-Studium. Schade, dass dies abgeschafft wurde! Dass es im Leben wirklich um Menschen und Heilung geht, wurde doch eher vergessen. Bei aller Liebe zu modernen Möglichkeiten heute, es sind beides, der Arzt und der Apotheker, Heilberufler, nicht Hier wird ja viel die Empathie des Arztes angesprochen aber so gut wie gar nicht die Abgrenzfähigkeit. Empathie hin oder her, das allein macht auch keinen guten Arzt und übermäßige Empathie kann sogar hinderlich sein. Ich kann nicht mit jedem Patienten mitleiden, irgendwo muss eine klare Grenze gezogen werden zwischen Patientenleid und eigener Person. Empathie ist gut aber kann genau so hinderlich sein. Es ist tatsächlich schwierig zu definieren was einen guten Arzt ausmachen und erst recht vorher zu sehen ob ein 18 oder 19 Jähriger Bewerber (oder halt 20 oder 30 wenn später Einsteiger) einmal zu einem heranreifen kann. Viele Sachen sind nämlich erlernbar und auch verlernbar. Am Schluss wird es nie 100% “Fair” sein es sei denn man will puren Zufall und lost ALLE Studienplätze aus. Außerdem, relativieren wir mal bitte ETWAS den NC der Medizin mit dem Mythose “nur die besten” bekämen einen Platz… Ich hab meinen mit 1,4 an der Wunschuni bekommen. Regensburg nahm jahrelang z.T. bis 1,8. Über Losverfahren, Wartesemester und andere Wege waren Leute mit 3,5 in meinem Jahrgang. Und dann gibt es ja noch den Weg Privatuni oder Im Ausland beginnen (Ungarn, Estland, Österreich sind Beliebt) und dann nach Deutschland wechseln. Klar, das ist kein direkter Weg aber gangbare Wege die nicht selten gegangen werden. Was man vorher nicht im Abi gezeigt hat kann man so durchaus auf anderen Wege zeigen sag ich da nur. Es gibt weniger Plätze als Leute die es gern machen wollen. Es wird also immer eine Mehrheit leer ausgehen (zu Recht) und die werden sich dann zu unrecht beschweren. Irgendwie muss man fest machen wer eine Chance bekommt, einfach mehr Plätze würde die Qualität der Lehre vernichten und noch dazu das Problem nur weiter nach hinten verschieben. Ich finde gut, wenn derjenige der die beste Leistung gebracht hat den Platz bekommt – das ist das einzig faire gegenüber denen die leer ausgehen. Empathie ließe sich höchstens bei Auswahlgesprächen mittels simulation erproben, selbst da sehr subjektiv, ist aber kostenaufwändig und es muss dafür auch eine vorauswahl geben – in Göttingen werden 3x so viele zum gespräch geladen wie plätze da sind, nach Abi. Also bis 1,2. Ich fände es gut einen einheitlichen Eignungstest zu haben und Boni für zusätzliches Engagement wie zB Ehrenamt, am besten wäre das für die vorauswahl und dann würde im auswahlgespräch mit simulationspatienten die finale auswahl getroffen werden. Mein abi habe ich nur mit dem Ziel medizin zu studieren gut gemacht sonst wäre es mir auch egal gewesen und ich persönlich glaube nicht dass fächer wie geschichte einen einfluss auf die eignung für medizin haben. Die Problematik ist wie bei so vielen Sachen viel tiefgreifender, als es im ersten Augenblick erscheint. Nur zu sagen, dass die Vergabe der Plätze nach der Abiturnote ungerecht und schlecht ist, reicht leider nicht. In den Kommentaren wurde oft gesagt: Lasst die motivierten Leute endlich ins Studium, die fehlen in den Kliniken! Nur warum fehlt das Personal? Weil die Arbeitsbedingungen für das medizinische Personal in Deutschland unter aller Kanone sind. Das gilt nicht allein für die Ärzte-Pflegepersonal, Therapeuten etc. Das Gesundheitssystem ist so konstruiert, dass ein Krankenhaus wirtschaftlich arbeiten muss. Möglichst wenig Personalkosten, Patienten als Fallpauschalen. 60-Stunden-Wochen, Dienste, dazu Dokumentationspflicht bis zum Umfallen. Da kann man noch so motiviert ins Studium einsteigen-die Realität sieht einfach anders aus. Kein Wunder also, dass hintenraus die Ärzte fehlen. Es müsste also grundsätzlich mal was am Gesundheitssystem geändert werden, und da habe ich von der Landarztproblematik noch nicht einmal begonnen. Dann wandern die deutschen Ärzte vielleicht nicht reihenweise ins Ausland ab. Zum eigentlichen Thema des Artikels: Wie in anderen Kommentaren schon richtig gesagt wurde: EIN Medizinstudienplatz kostet über 6 Jahre über 120.000 Euro. Die logische Konsequenz also: möglichst wenig Abbrecher im Studium. Nun können die Studenten mit 3,0er Abi und Wartezeit so empathisch sein wie sie wollen-sie sind die Gruppe, die am häufigsten abbricht oder Prüfungen nicht schafft. Und die Gründe sind verständlich! 6 Jahre aus der Schule, wohlmöglich alle Naturwissenschaften abgewählt-und dann plötzlich in der Vorklinik die volle Dröhnung Physik, Chemie, Biologie, Physiologie, Biochemie? Dazu wohlmöglich Kinder und Teilzeit immer noch im alten Job, weil Eltern oder Bafög als Unterstützung fehlen? Die Studienplatzvergabe über die Note ist momentan also die beste Absicherung für geringe Abbruchquoten. Dennoch bin ich dafür, nicht nur 1,0 Kandidaten ins Studium zu lassen. Es sollte meiner Meinung nach tatsächlich eine Vergabe über einen Aufnahmetest in Kombination mit einem Auswahlgespräch erfolgen-allerdings ist das ein organisatorischer Wahnsinn. Zu Aufnahmetests ähnlich es TMS bleibt aber auch zu sagen: wer in der Schule gerade so das Abitur geschafft hat, wird nicht wie durch ein Wunder auch in diesem Test gut abschneiden. Letztendlich werden auch hier die guten Schüler ausgesiebt werden-wobei aber alle die gleiche Chance hatten. Ich denke aber auch, dass dennoch ein Teil über die Note vergeben werden sollte-denn wer schon in der Schule sein Ziel kannte und sich reingehangen hat, soll dafür belohnt werden. Aber dafür müsste das Schulsystem in Deutschland ersteinmal vereinheitlicht werden-eine schier unlösbare Aufgabe, wenn nicht mal der Umstieg von G9 auf G8 geklappt hat. Seltsam. In dieser Diskussion gibt es viele Stimmen, die zurecht behaupten, schulische Leistungen sagen im Grunde nichts über die Fähigkeiten späterer Ärzte aus. Schaut man sich dann aber die Kommentare an wenn es um Kompetenzen anderer mediznischer Berufe geht, dann kann die Leistung nie gut genug sein, sie kommt niemals an die Kompetenz eines Arztes heran und muss schärfstens unter Ärtzliche Kontrolle gestellt oder abgeschafft werden. Jeder ist quasi “dumm”, der nicht Medizin studiert hat. Na, wer findet den Fehler. Bigotterie in Reinform. “… dann müssten wenige auf den “Heilpraktiker” ausweichen … ” – Die Patienten weichen nicht wegen des NC auf Heilpraktiker aus, sondern aus ganz anderen Gründen. Will man aber in den eigenen Reihen nicht wahrhaben, und so versucht man ein umfassendes Monopol zu errichten. Wenn man diversen Medizinberufen mehr Kompetenzen zugestehen würde, was durchaus angebracht wäre, dann wären Ärzte auch nicht so “überlastet” mit zig Überstunden. Aber man möchte ja die Fuchtel über alles mögliche halten, vor Allem aber bestimmte Töpfe nicht teilen. Alles natürlich “zum Wohle der Patienten”… Ich kann mir kein perfektes Auswahlsystem vorstellen, denn die meisten Mitdiskutanten gehen wohl davon aus, dass ein Abiturient fertig entwickelt und reif genug ist zu wissen, was er will und voller Empathie für einen Beruf ist. Daran glaube ich nicht. Mein Interesse für Naturwissenschaften entwickelte sich erst in den letzten 2 Jahren des Gymnasiums. Eigentlich wollte ich Biologie und Biochemie studieren, da ich wissen wollte, wie funktioniert das Leben. Vom Professor wurde ich dann auf Medizin verwiesen, wo ich alles zusammen hatte. Während des Studiums dachte ich nicht daran, einmal praktizierender Arzt zu werden, die Forschung hätte mich interessiert. Empathie besaß ich m.E. zu diesem Zeitpunkt wohl kaum. Aber nach den zahlreichen Patientenkontakten im Studium orientierte ich mich um. Ich bin heute ein mit voller Empathie praktizierender Arzt, lebe für meinen Beruf und für meine Patienten. Ich konnte 1977 glücklicherweise noch mit einem “schlechten” Abitur von 1,5 sofort studieren, keine Ahnung, ob ich psychologische Tests etc. bestanden hätte. – Ähnlich ging es mit meiner Tochter: Sie wollte Medizin studieren. Ich Idiot riet ihr davon ab, da sie zum damaligen Zeitpunkt nicht den Eindruck machte, dafür geeignet zu sein, sich über den Durchschnitt einzusetzen und ausreichende Empathie und Motivation für diesen Beruf mitzubringen. Ich werde das mein Leben lang bereuen. In ihrem jetzigen Beruf zeigt sie alle Qualitäten, die aus ihr auch einen hervorragenden Arzt gemacht hätten. Leider finde ich es Unfair, dass mir mein Abitur mein Leben lang im Weg steht. Nur weil ich vor 8 Jahren andere Flausen im Kopf hatte und das Abitur auf einem Technischen Gymnasium gemacht hat, was mir im Nachhinein doch nicht so lag, bin ich kein schlechterer Student ! Ich habe eine medizinische Ausbildung absolviert und viele Jahre in dem Beruf gearbeitet. Als ich dann zu Studieren begonnen hatte war es natürlich eine Umstellung denn man hat schon lange nicht mehr an Büchern gesessen. Ich muss allerdings sagen, dass das Studium nicht so hart ist wie Sie sagen. Ich habe alle Klausuren und die erste ÄP beim ersten mal bestanden. Natürlich muss man lernen, aber man wächst auch im Geiste und nur weil ich vor so vielen Jahren eine “schlechte” Note erzielt habe, heißt das noch lange nicht, dass das aktuell immer noch so wäre… Oder möchten Sie z.B Ihre Punkte in Flensburg von vor 8 Jahren weiterhin behalten ?! Ich weis ja nicht warum der NC immer so verteufelt wird. Was viele Leute vergessen: das Medizinstudium ist HART. WIRKLICH hart. Ja, die Abinote ist unfair und sagt nichts drüber aus wie gut ein Arzt ist… aber im Studium spielt es auch keine Rolle wie empathisch man ist. Da geht es drum die Massen an Wissen die man BRAUCHT ins Hirn zu bekommen und die an zu wenden. Sorry aber wer das zu Schulzeiten nicht auf die Reihe bekommt… warum soll man ihm dann zutrauen das Studium zu schaffen? Studiuenplätz sind rar und es ist TEUER einen Studenten aus zu bilden… ich hab mal Zahlen um die 100.000 Euro gehört. Für EINEN Medizinstudenten. Wundert es da einen dass der NC als grober Filter vorgeschaltet ist? (Und seien wir ehrlich, welche Uni führt mit tausenden von Bewerbern persönliche Gespräche, das ist logistisch gar nicht möglich) Außerdem: viele Unis HABEN zusätzliche Systeme, die 60% der Plätze liegen in der Hand der Unis. 20% sind Warteliste, 20% Abi-Besten. Ehrlich gesagt find ich das fair. (vor allem weil der NC als hartes Kriterium frei von Sachen wie Geschlecht, Hautfarbe, Orientierung, politische Meinung, u.s.w. ist. Bei persönlichen Gesprächen? Bei einigen Profs die ich kannte währe da hart “aussortiert” worden…) Losverfahren und alles gibt es ja auch noch zusätzlich. Klar ist das im Einzelfall unfair und ich kenn auch Ärzte mit 3,0 Abi… aber das sind Einzelfälle und oft Leute die andere Zugangswege zum Traumberuf fanden. Wo ein Wille ist ist ein Weg, trotz NC und schlechtem Abi. Auf der anderen Seite kenn ich mehr 3,0 Abiturler die schreckliche Ärzte wären… nur so als Gedanke. NC ist sicherlich nicht optimal… aber vermutlich einfach der einfachste grobe Vorfilter. Der NC hängt massgeblich von den Fächern ab die für das Abitur gewählt wurden und die müssen nicht unbedingt die Fächer sein die für Medizn gebraucht werden. Ich fände einen bundesweit identischen Eignungstest gepaart mit einem Interview das die persönliche Eignung und Motivation durchleuchtet wesentlich besser um zu entscheiden wer denn für die weniger Studienplätze qualifiziert ist. Die ‘Wartezeit’ sollte für medizin-relevante Erfahrungen genutzt werden um auch einzufliessen. Na, jetzt bin ich ja platt. Den NC gibt es seit ca. 50 Jahren und es war schon immer klar, daß der NC nicht geeignet ist als Auswahlkriterieum für engagierte und dem Patienten zugewandte Ärzte. Das Problem unterbesetzter Fächer und Orte lässt sich am einfachsten und effektivsten auf finanzielle Art lösen. Wenn psychiatrische Assistenzarztstellen 20% mehr vergütet werden, und Stellen in der unterversorgten Peripherie ebenso, hat man fähige und motivierte Ärzte genau dort. Das Problem ist, dass während der ersten Weiterbildungsjahre, wo das Geld gebraucht wird keine finanziellen oder auch sonstige Anreize existieren. Was interessiert es einen Studienabsolvent was er in 5-6 Jahren als Facharzt verdienen kann, wo man ohnehin nur noch um Geld verhandelt, das man eigentlich nicht braucht. Man entscheidet sich dann natürlich für die Fachrichtung, die einen am meisten interessiert, vielleicht auch noch für die, die einem die beste Work-Life-Balance und Familienvereinbarkeit in Aussicht stellt. Ich will nicht behaupten, dass jeder Absolvent für die Neurochirurgie genauso wie für sie Psychosomatik geeignet ist. Trotzdem hat jeder Absolvent ein gewisses Fächerspektrum, in dem er gut und motiviert arbeiten könnte. Die mangelnde zentrale (bspw. finanzielle) Steuerung sorgt dafür, dass alle schön gerecht gleich bezahlt werden und jeder sich eben in die Fächer drängt, die er halt am liebsten hat. In der Allgemeinmedizin zeigt sich das am deutlichsten. Kaum ein Weiterbildungsassitent in einer Praxis verdient soviel wie ein Assisten in der Klinik, da für die Praxisweiterbildungszeiten kein Tarifvertrag gilt. So ist Allgemeinmedizin für viele, die letztlich Innere als Alternative wählen, finanziell die schlechtere Entscheidung. In der Psychiatrie muss man häufig die teure Psychotherapeutenausbildung selbst zahlen und danach wartet der am schlechtesten bezahlte niedergelassene Facharztberuf auf den, der das trotzdem durchgezogen hat. Btw: In Norwegen beispielsweise sind Zuschläge von über 150% für Arbeit in entlegenen Gebieten drin. “Der NC sagt direkt etwas darüber aus, wie fähig und wie gewillte der Student ist, theoretische Probleme, die gerade die heutige Medizin immer mehr aufweist, zu durch denken. Genau das erwatet man, wenn man zu einem Arzt geht.” Gast 34, der NC ist erstmal nur ein praktisches Sieb. Außer Medizin gibt es ja noch mehr zulassungsbeschränkte studiengänge, der Grund ist einfach, dass es nicht genug Studienplätze für Bewerber gibt. Manche Studiengänge haben nur in bestimmten Jahren, andere nur an bestimmten Unis NC. Für Medizin gibt es immer und überall wesentlich mehr Bewerber als freie Plätze, daher ein hoher NC. mit den Anforderungen hat das erstmal nix zu tun. Gerade in unserer Studenten-/Ärztegeneration stößt es den meisten doch am bittersten auf, dass v.a. anfangs Überstunden en masse geleistet werden, und das Privatleben dadurch über Jahre massivst eingeschränkt wird. (Täglich von 8 bis 18 Uhr in der Klinik plus Dienste, viel mehr als abends KO auf der Couch zu hängen bleibt einem da nicht wirklich.) Das ganze dann noch als Pflichtdienst, d.h. man wäre den Chefebenen wehrlos ausgeliefert, weil kündigen aufgrund der drohenden hohen Strafzahlung nicht möglich ist? Das wäre einmal für die Weiterentwicklung der Arbeitsbedingungen der Ärzte fatal, weil eben eine große Menge Assistenten bereitstünden, mit denen man für fünf Jahre machen könnte, was man will. (Und zu welcher Behandlung das führt, sieht man ja z.B. beim PJ, wo an vielen Unis Stundenlöhne von 2€ gezahlt werden…) Desweiteren möchte ich ehrlichgesagt nicht von einem Assistenten behandelt werden, der dementsprechend ausgebeutet wird, und in dessen Kopf permanent “nur noch zwei Jahre…” herumspukt… man kann in der Schule gelernt haben richtig zu lernen und ein sehr gutes Abitur z.B. 1,7 aber eben kein hervorragendes mit 1,0-1,2 schreiben und das aus mannigfaltigen Gründen die nicht in der persönlichen Leistung des Schülers gründen. Ich glaube nicht daran das Kommabereiche auf der Abiturnote und darum geht es bei manchen Bewerbern einem die erfolgreiche Studierfähigkeit absprechen können. Davon mal abgesehen stimme ich Ihnen vollkommen zu das ein Schüler mit hervorragender Abiturnote i.d.R. auch das Medizinstudium mit entsprechender Leistung abschließen wird. Es kann nicht nur Ärzte geben , die Kapazitäten sind ausgelastet , warum mehr zulassen wenn genügend ausgebildet werden. Es sollten die Gründe gesucht werden warum hier nicht so viele arbeiten wollen wie ausgebildet werden. Auch der Zwang nach dem Studium eine bestimmte Zeit in Deutschland arbeiten zu müssen ist keine richtige Lösung, wäre aber eine Möglichkeit… Wir haben in Deutschland nicht zu wenig Ärzte weil zu wenig ausgbildet werden, es wandern zu viele ab. Und da kann an Zulassungsbeschränkungen so viel herumgedreht werden wie man will, wenn sich die Bedingungen für das spätere Berufsleben und damit meine ich vordergründig Arbeitszeiten und ein an die hohen Anforderungen und die große Verantwortung gekoppeltes Gehalt wird man nur erreichen das bei doppelt so vielen Zulassungen -> doppelt so viele abwandern. Für mich ist die einzig sinnvolle Lösung: ein Zwang für alle Studiengänge die einen NC aufgrund der Nachfrage machen müssen, eine bestimmte Zeit in Deutschland als Arzt (oder Jurist … etc. je nachdem welcher Studiengang) arbeiten zu müssen (z.b. eine gut gewählte Zeit wie 5 Jahre) ansonsten volle Rückzahlung der Studienkosten. Solange die Studienplatzvergabe nur nach der Abiturnote erfolgte, hatte das Fach Medizin die geringste Abbrecher- und Gescheitertenquote. Wer in der Schule nicht gelernt hat zu lernen, wird die Stoffmenge nicht bewältigen können. Am Ende hilft nur der, der’s gelernt hat und kann und nicht der, der’s so gerne gewollt hätte. Das ist überfällig. Auch Politiker sollten sich diesem Dauerproblem annehmen. Geld in Bildung stecken klingt gut, bringt aber nichts ,wenn man keinen Plan hat. Schon zu meiner Abizeit (1981!!!) waren sich alle einig, daß ein “Einser” -NC keine guten Landärzte hervorbringt. Hunderttausende hochmotivierte junge Leute scheiterten seit den letzten 40 oder mehr Jahren an fragwürdigen Einstelluingskriterien. Ich sehe aber, wenn ich das hier lese, da keine Perspektive derzeit. Gute Schulnoten haben mit guten Ärzten wenig gemeinsam. Mein Tipp wäre: 1 soziales Pflichtjahr im Krankenhaus oder auch Altenheim, danach weiß ein junger Mann-bzw. junge Frau mehr, der bvmd erwägt es zumindest. Diese Einschätzung teile ich mit Ärzten aus dem beruflichen Umfeld und Bekanntenkreis. … dann müssten wenige auf den “Heilpraktiker” ausweichen … Wenn das so einfach wäre Herr Bedynek, ich habe einen Bekannten ,der hat sein Medizinstudium mit Bravour gemeistert, nur als er dann wahrhaftig seinen Arzt im Krankenhaus stehen musste ,ist er auf der ganzen Linie gescheitert. Es reicht nicht ein exzellenter Theoretiker zu sein, ein wirklich guter Arzt braucht den Patienten nur anzuschauen und weiß oftmals was ihm fehlt. die Alternative liegt in Holland und Österreich, dort geht man anders mit der Medzin um. Kein NC sondern Eignungsteste sind ausschlaggebend. Daran solte man sich orientieren !!! Das Studium ist umfänglich auch mit dem Blick in die Naturheilkunde !!! Sie verwechseln wohl nc mit der Abiturnote. Der numerus clausus ist ein Produkt aus Angebot und Nachfrage und hat nicht das geringste mit den intellektuellen Anforderungen eines Studienganges, geschweige denn des späteren Berufes zu tun. Andere Studiengänge mit gleichen oder höheren Anforderungen wie Physik, Pharmazie, Veterinärmedizin uvm haben je nach Anzahl der Plätze und Bewerber einen anderen nc. Wer denkt dass der nc bedeutet dass “nur die besten” genommen werden, der irrt. Auch eine Landarztquote finde ich sehr fragwürdig: sicherlich wäre das attraktiv für Leute, die einen schlechten Abiturschnitt haben. Aber ernsthaft, sich bereits vor dem ersten Semester auf Allgemeinmedizin festlegen? Da ist man von den ersten klinischen Praktika über zwei Jahre entfernt und hat doch nicht die geringste Ahnung, welche Fachrichtung man später mal wählen will… Schlimmstenfalls hat man dann einen unmotivierten Arzt, der vielleicht gerne z.B. Psychiater geworden wäre und dann eben frustriert mit Dienst nach Vorschrift seine 15 Jahre auf dem Land absitzt – ich glaube nicht, dass das in irgendeiner Hinsicht die Lösung des Hausarztmangels auf dem Land ist… So einfach, wie der eine oder andere sich das hier denkt ist es aber dann doch nicht. Ein sinnvolleres Auswahlverfahren für die vorhandenen Plätze zu schaffen ist sicherlich überfällig – trotzdem wird es eine Menge Leute geben, die nicht sofort studieren können und lange Wartezeiten auf sich nehmen müssen. Den NC einfach abschaffen ist unsinnig. Die Kapazitäten der Unis sind bereits in der Vorklinik schon ausgeschöpft, was die vorhanden Hörsäale sowie Kurse angeht – mehr Studienplätze anbieten würde also unmittelbar die Qualität der Lehre stark einschränken. Um hier mehr Studienplätze anzubieten, müssten erst einmal entsprechende Räumlichkeiten gebaut werden, was viel Geld und Jahre Vorlauf bräuchte. Das ganze spitzt sich aber in der Klinik noch mehr zu. Auch hier sind die Kapazitäten absolut ausgeschöpft (man kann es z.B. daran sehen, wie schwer es Studenten mit Teilstudienplatz haben, einen Klinikplatz zu bekommen). Außerdem ist die Anzahl der Studienplätze an die Betten der Lehrkrankenhäuser gebunden. (Auch das macht Sinn: wenn ich in einem Praktikum alleine auf einer Station bin kann ich jede Menge machen und dementsprechend lernen. Sind plötzlich z.B. noch ein Praktikant und ein Famulant da, wird es schon langsam langweilig. Wäre man dann stattdessen zu fünft, würde niemand mehr irgendetwas lernen). Fazit: ein Gericht, dass den NC verbietet bzw. Wartezeiten als unzumutbar einordnet, hilft niemandem. Das ganze ist ein politisches Problem, dass etwas mehr als Phrasen wie “NC abschaffen!” benötigt. Der NC sagt direkt etwas darüber aus, wie fähig und wie gewillte der Student ist, theoretische Probleme, die gerade die heutige Medizin immer mehr aufweist, zu durch denken. Genau das erwatet man, wenn man zu einem Arzt geht. Auswahlgespräche – hört sich gut an, aber wie wird das festgeschrieben? Unter dem Vorwand der Justitiabilität werden Anforderungen gestellt, die kein Klinikum ohne drastische Einschränkung der Krankenversorgung und anderer Funktionen erfüllen kann: Pro Bewerber 3 Dozenten, darunter ein Klinikchef, Dauer des Auswahlgesprächs in festgelegtem Procedere mit festgelegtem Rahmen je eine Stunde, endloses formalisiertes mehrseitiges Protokoll (noch einmal 40 Min. mindestens, siehe heutiges 3.Staatsexamen Medizin), das ist so ein Mindest-Modell. Bei 25 Bewerbern, die über diese Schiene gefunden werden sollen, bedeutet dies ca 85 Mannstunden in den überbelasteten Universitätskliniken. Daher sind die Auswahlgespräche dort so unbeliebt, daß diese Option nur selten beantragt wird. Es ist trotz Intelligenz nicht immer einfach, ein 1er-Abitur zu erwerben. Es gibt Menschen, die großartige “social skills” mitbringen, aber ein schlechteres Abi erreichen, und solche, die großartige Noten, aber sonst nicht viel vorzuweisen haben. Wie soll man da eine Auslese treffen? Ich selbst habe ein mittelmäßiges Abitur erreicht (2,4), aber im Vorfeld eine Menge Lebenserfahrungen gesammelt, die mir als spätere Fachärztin für Psychiatrie rückblickend enorm wichtig waren und sind. Der Medizinertest hat mir, schwupps, über die Testbestenquote schnell den Weg ins Studium gebahnt. Oh, hat man da aus Versehen ‘ne Dumme reingelassen? Ich bin per se nicht für die Abschaffung des NC, wohl aber dafür, dass er nicht als Kriterium im Auswahlverfahren der Hochschulen genutzt wird. Zu meiner Bewerbungszeit gab es mehrere Beispiele, die dadurch theoretisch 80% ihrer Bewerber so aus dem Pool zogen. Sicherlich ließe sich auch eine Neugewichtung der Verteilungszahlen durchführen, meines Erachtens nach ist aber nicht das Verteilungssystem der Flaschenhals, sondern tatsächlich die Kapazitäten der Universitäten. Und da hilfts auch nichts, Semester mit 2000 “Erstis” zu öffnen, wenn bis zum Physikum 1000 “rausgeprüft” werden für die klinische Aufnahmefähigkeit. Alles in allem durfte ich trotz TMS/EMS, 2,0er Schnitt und RettAssausbildung 6 Jahre warten, und sehe trotzdem andere Brennpunkte als wichtiger an, als die totale Abschaffung des NC’S. Eine wie oben beschriebene Anpassung unter Einbezug von Fächerwahl, erlerntem Beruf etc. tte m.E. nach schon reichen… Es gibt viele bessere Lösungen. Man könnte neben der Abinote noch ein von der Schule festgelegte Eignungastufe für sein Studiumwunsch bekommen. Z.B. Gut geeignet-geeignet- nicht geeignet. Dazu ggf. Aufnahmeprüfung und gut ist es. Das Problem ist wie immer die Politik, denn die sind ständig am Wichtigtuen und daraus resultierend am festlegen von ” Ideotenspielen”. Ein Glück, dass zu meiner Zeit eine doch recht umfängliche , naturwissenschaftlich orientierte Aufnahmeprüfung darüber entschied, ob man zum Studium zugelassen werden konnte oder eben nicht. Aber das ist eben Geschichte! Den NC abzuschaffen wird Zeit. Zum Thema Anzahl der Studienplätze möchte ich hinzufügen, dass die Anfangssemester, die von Studienabbrechern verlassen werden, nicht wieder aufgefüllt werden. Warum? Das weis ich von meiner Freundin, deren Töchter beide gerne Medizin studieren möchten. Die Eine hat jetzt nach 7 Jahren einen Platz bekommen, die Andere macht, wie vorher schon erwähnt wurde, eine Ausbildung zur Rettungsassistentin. Ich bin sicher, dass viele froh wären, sie könnten in das 2. Semester noch einsteigen und würden entsprechend lernen. Dann wäre die Zahl der Abschließenden auch höher. Das ganze schlägt viel weiter aus, als man auf den ersten Blick sieht. Bundesweit gibt es im Rettungsdienst Personalmangel – wieso? Weil die Ausbildungsplätze größtenteils von auf Medizinstudienplätzen wartenden jungen Menschen belegt werden, die nach wenigen Jahren sich dann aus dem Beruf wieder verabschieden, wenn endlich die 7 Jahre Wartezeit Rum sind. Es ist ein ständiges Gesuche nach brauchbaren Azubis mit “möglichst schlechtem Abitur”… das ist einfach nicht zielführend! Die einzige ursächliche Therapie wäre vermutlich die Studienplatzzahl zu erhöhen, dann gäbe es den Druck und die Klagen der Wartenden nicht mehr so stark, schätze ich. Solange dies nicht kommt, sind irgendwelche Reformierungen von Quoten und Auswahltests nur das herumdoktern am Symptom. Mal ehrlich: es klingt schon sehr toll die “charakterliche Eignung” von Studienplatzbewerbern zu prüfen. Aber ich kann mir schlecht vorstellen, wie das gehen soll. Viele Studienanfänger kommen direkt aus der Schule (ist ja auch nicht schlecht!) – woran genau soll man bitte bei 18-Jährigen messen und abschätzen, ob dieser Mensch mal ein empathischer Arzt wird? Das ist doch etwas, was man nicht angeboren bekommt, sondern auch erlernt, oder? Gleiche Kritik ist hier auch den Landarztquoten vorzuwerfen: Welcher Erstsemestler kann denn seriös und verbindlich sagen, dass er sich nach 13 Semestern Studium verschiedenster Fächer für die Allgemeinmedizin im ländlichen Raum entscheiden wird? Niemand sollte so mit den Hoffnungen und Träumen junger Menschen spielen. Das lässt sich sehr gut in der Politik verkaufen, weil es Tateneifer signalisiert – für die konkret betroffenen Studenten aber nicht so sicher die Lage vereinfacht, oder? Ich bin etwas abgedriftet, das möge man mir verzeihen ;) Kurz und knapp: Mehr Studienplätze hilft! ” Allerdings habe ich keine Vorstellung, wie man das rechtsverbindlich gestalten könnte. Auf diese Weise wäre jedenfalls motivierten Bewerbern geholfen, und zugleich könnten drohende bzw. bereits existente Versorgungsengpässe entschärft werden.” Dr. Peveling, eventuell so wie bei der Bundeswehr, da verpflichtet man sich auch 17 Jahre, und wer früher geht, muss Schulden zurückbezahlen. Funktioniert aber nur, wenn die Ärzte dann auch so etwas wie staatliche Angestellte und nicht selbstständig wären, in Ambulanzen und staatlichen Polykliniken. Ein Manko wäre freilich, dass es dann auf dem platten Land nur dienstverpflichtete, unerfahrene Ärzte gäbe. Anstatt einen Studienplatz zur Verfügung zu stellen, fände ich die Idee eines Bonus für Landärzte besser. Solange die Abiturnote im Vordergrund steht, bedeutet dies, und das ist makaber, folgendes: in Deutschland bestimmt im Wesentlichen die Lehrerschaft in Form der in größten Teilen subjektiven Notenvergabe, WER Medizin studieren darf. Es kann nicht sein, dass (indirekt) die Pädagogen entscheiden, WAS die Mediziner deutlich besser einschätzen können. Diese Diskrepanz ist verwerflich und Grund genug, sich an die oberste gerichtliche Instanz zu wenden. Danke, endlich werde ihr vernünftig.” Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen. Es ist auch nicht der Punkt, dass die Noten von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sind, nein, auch von Schule zu Schule! Gehe ich auf eine bayerische Privatschule oder Schule kirchlichen Trägers, spende ein wenig aus Papis Geldbeutel, schon ist die 1,0 sicher bei halbwegs Grips in der Birne. Ich war auf einer Schule mit sehr, sehr geiziger Punkte- und Notenverteilung, ich habe alles gegeben, aber durch die “Tendenz zur Mitte”, die alle Lehrer pflegten (keine Ausreißer nach oben und nach unten), wurde es über die mündliche Note immer wieder gedeckelt, sodass ich am Ende “nur” mit 1,2 abschloss. In ein paar Jahren bekäme man vermutlich auch mit dieser Note kaum einen Studienplatz und an der Universität ist man damit unter Medizinern schon einer der “schlechteren” Abiturienten. Und trotzdem habe ich das Staatsexamen mit 1,0 abgeschlossenen. Ich habe bisher keine einzige Note als 1 bekommen. Ich finde es wichtig, endlich zu prüfen, ob der Bewerber überhaupt die Fähigkeit hat, in dieses Stoffgebiet einzutauchen. Es ist am Ende ein naturwissenschaftliches Studium, auf das sich so viele NaWi-Idioten bewerben, die sich nie und nimmer für Chemie bewerben würden. Auswahlgespräche dagegen sind noch schlimmer als die Abinote als Kriterium. Denn dann wird man in 10-15 Jahren nur noch die Blender und Narzissten als Ärzte herumlaufen haben, die sich damals gut präsentieren konnten, aber wenig Sachverstand haben. Dass der nc abgeschafft wird ist höchste Zeit. Auch wenn hier immer wieder von “zu wenig Studienplätzen” die Rede ist…. ist das so nicht korrekt. An unserer Uni waren wir vor über 10 Jahren etwa 700 Erstsemester, mit denen die sich nachträglich dazugeklagt haben nochmal mehr… und wieviele durften bei der Abschlussfeier ein Zeugnis entgegen nehmen? Gerade einmal 200! Wenn nur ein Drittel der Studenten das Studium auch mit Examen beendet bedeutet das nicht dass es zu wenig Studienplätze gibt, sondern dass die verfügbaren Plätze an die falschen Leute vergeben werden. Hohe Abbruchquoten sind in meinen Augen ein Indiz für ein falsches Auswahlverfahren. Warum leisten wir uns in Deutschland immer noch einen NC, wenn wir mittlerweile in vielen Kliniken kaum noch Ärzte finden, die noch nicht einmal der deutschen Sprache mächtig sind, ganz zu schweigen von der teils äußerst minderwertigen medizinischen Ausbildung. Unsere jungen Studienkollegen Menschen reglementieren wir und auf der anderen Seite fehlen an jeder Stelle in Deutschland junge Ärzte, die auch wieder bereit sind den schönsten Beruf der Welt auch auszuüben! Krank!!! Prüfung ist gut, aber das Grundgesetz besteht schon lange. Also wenigstens Prüfung, dann könnte man ja eventuell wieder weiter schlafen, was ich nicht hoffe. Alle paar Jahre wird dieses Thema wieder neu diskutiert. Ich hatte selbst leider auch eine lange Wartezeit. In dieser Zeit wurde ebenfalls von Abschaffung des NC`s, Eingangstests, Abschaffung der ZVS etc. gesprochen. Was ist im Endeffekt passiert? Die ZVS wurde umbenannt in “Hochschulstart”, das wars. Es scheint wohl nichtso einfach zu sein, dieses bestehende System zu ändern. Solange die Abiturnote im Vordergrund steht, bedeutet dies, und das ist makaber, folgendes: in Deutschland bestimmt im Wesentlichen die Lehrerschaft in Form der in größten Teilen subjektiven Notenvergabe, WER Medizin studieren darf. Es kann nicht sein, dass (indirekt) die Pädagogen entscheiden, WAS die Mediziner deutlich besser einschätzen können. Diese Diskrepanz ist verwerflich und Grund genug, sich an die oberste gerichtliche Instanz zu wenden. Danke, endlich werde ihr vernünftig. Es ist politisch gewollt aber für die medizinische Versorgung nicht akzeptabel, dass die Zahl der Medizinstudienplätze auf dem Stand vor der Wiedervereinigung eingefroren worden ist. Da jeder fertige Arzt in seiner Arbeitszeit vorausberechenbare Kosten für das Sozialsystem verursachen wird, ist es beabsichtigt die medizinische Versorgung zu verschlechtern, damit sie bezahlbar bleibt. Dies ist bei einer zunehmend Überalterungen der Gesellschaft bei gleichbleibenden Arztdichte die logische Konsequenz. Aber wer trifft eigentlich diese politische Entscheidung? Die höchst richterliche Instanz sollte sich also sich nicht nur mit den Zulassungskriterien beschäftigen, sondern auch die Zahl der Studienplätze unter die Lupe nehmen. Wenn der Numerus clausus fällt, dann aber auch für alle anderen Fächer. Damit kann dann auch jeder motivierte sofort Jura studieren. Kleiner Scherz. Wetten daß das nur für Medizin gilt? Hier werden billige willige Arbeitskräfte gebraucht. Was in der Krankenpflege geklappt hat, geht doch sicherlich auch im Arztberuf … Das wird auch langsam Zeit. Vor allem der Auswahlmodus mit der Abinote war so ziemlich das Dümmste was den bürokratischen Sesselfurzern einfallen konnte. Vielleicht werden dann endlich einmal auch mehr wirklich empathische Menschen und Menschenfreunde auf die Patienten losgelassen, und nicht mehr so viele streberhafte Roboter, denen die Kranken und deren Angehörigen komplett am A… vorbeigehen, weil sie nur Evidenzen, berufliches Fortkommen, Spesen von der Pharmaindustrie und möglichst viele Publikationen pro Monat im Auge haben. Ich bin für die Einführung einer “Landarztquote”, d.h. auch Bewerber mit schlechterem NC könnten einen Studienplatz erhalten, sofern sie sich verpflichten, sich nach der Ausbildung in strukturschwachen Gebieten niederzulassen. Allerdings habe ich keine Vorstellung, wie man das rechtsverbindlich gestalten könnte. Auf diese Weise wäre jedenfalls motivierten Bewerbern geholfen, und zugleich könnten drohende bzw. bereits existente Versorgungsengpässe entschärft werden. Das könnte jungen Menschen die Hoffnung geben, doch den gewünschten Studienplatz bekommen zu können. Junge Menschen, die viel Interesse und Empathie mitbringen , sich seit Jahren als Rettungssanitäter ehrenamtlich engagieren, in den Sommerferien statt zu chillen im Krankenhaus Praktika machen -die für die Sache brennen – aber ” nur ” ein Abi mit 1,8 gemacht haben. Nach den derzeitigen Kriterien haben sie nämlich absolut keine Chance einen Studienplatz zu bekommen. Zu einer Wartezeit von 7 Jahren kann ich als Mutter ihm wirklich nicht raten. Doch wir brauchen junge Ärzte und sollten sie auch ausbilden. Derzeit suchen viele im Ausland ihr Studienglück und in Deutschland werden Ärzte aus dem Ausland eingestellt. Da stimmt was ganz und gar nicht. Grundsätzlich ist die Diskussion zu begrüßen. Aber auch ein geändertes Zulassungsverfahren ändert nichts daran, dass es zu wenige Studienplätze für zu viele Bewerber gibt – Wartezeiten können sich also dadurch nicht ändern, sondern bestenfalls nur etwas fairer Verteilen. Dass Wartezeiten von 13 Semestern nicht zumutbar sind wurde meines Wissens bereits vor 5-6 Jahren vor relativ hohen Gerichten verhandelt, damals ohne Ergebnis. Mal abgesehen von den Folgen: würden Gerichte urteilen, dass eine lange Wartezeit unzulässig ist und Bewerber vorher ein Recht auf einen Studienplatz hätten, müssten entsprechend die Unis wesentlich mehr Studienplätze zur Verfügung stellen. In der Vorklinik mag das noch möglich sein (auch wenn die Qualität darunter sehr leiden würde, weil vielerorts z.B. die Anatomiekurse o.a. schon völlig überfüllt sind), aber in der Klinik hängt die Anzahl der möglichen Studienplätze fix mit den Krankenhausbetten zusammen (was auch Sinn macht, denn mehrere Studenten im Praktikum auf der gleichen Station sitzen dann eben nur entsprechend viel rum). Ergebnis wäre, dass die Unis wesentlich massiver in der Vorklinik aussieben müssten oder aber mehr Teilstudienplätze vergeben – mit entsprechend frustrierten Studenten, die im Zweifel wiederum dagegen klagen würden. Ich denke, die ganze Thematik ist eine politische Entscheidung und keine, die ein Gericht lösen kann. endlich…. damit bliebe auch tausenden der Umweg über das ( teure ) Ausland erspart. Ich selbst mit Abitur 2,5 ( Bawü) Jetzt Staatsexamina 1,2 Wenn Auswahlkriterien, dann lieber mal die Frage ” sind sie bereit Nachtdienste zu schieben und Überstunden zu machen ” Was bringt mir meine religionsnote , wenn ich keine 3 Stunden im op stehen kann? … Ok… dann werd ich halt Radiologe ;)

Telemedizin in Deutschland fühlt sich an wie der Berliner Flughafen. Viele Ärzte würden gerne an Bord gehen, aber die Standespolitik braucht noch ein paar Jahre, um die Kabel zu verlegen. Wie ist der Stand der Dinge und was geht im deutschsprachigen Ausland? Telemedizin hat viele Gesichter. Sie kann den Arzt-Patienten-Kontakt ermöglichen, Assistenzpersonal im Rettungsdienst mit einem Notfallmediziner vernetzen und Ärzten mit einem Spezialisten bei einer Videokonferenz zusammenführen. InsiteFollowMap Philips Healthcare Früher schmerzfrei dank Funkverbindung Auch seit es den neuen Tätigkeitsbereich des Notfallsanitäters gibt, gelingt es nicht flächendeckend, dass das nichtärztliche Rettungsteam dem Patienten Analgetika wie Fentanyl oder Opiate rechtssicher verabreichen darf. Trotzdem muss der ärztliche Leiter des Rettungsdienstes ein regionales Protokoll erstellen und freigeben. Dazu haben Dr. Jörg Christian Brockmann und Kollegen an der Uniklinik Aachen eine Pilotstudie durchgeführt. Sie wollten untersuchen, ob ein Notfallpatient mit Hilfe der Telemedizin ein starkes Analgetikum früher erhält. Dabei rüsteten sie fünf Rettungsteams mit einem multifunktionalen telemedizinischen System aus. Das Rettungsteam war so während des Einsatzes über verschiedene mobile Netze mit einem Notfallmediziner verbunden. Vitaldaten der Patienten, Bilder sowie ein Videostream vom Einsatzort konnten so an den Mediziner übertragen werden. Verglichen wurden die Ergebnisse von 80 telemedizinisch unterstützten und von 80 klassischen Einsätzen, bei denen eine Analgesie notwendig war. Effiziente Analgesie Das telemedizinisch gestützte Delegieren der Analgesie hat sich durchaus als sicher und effizient erwiesen. Ziel war es, den Schmerz auf der Numerischen Analogskala (0–10) im Idealfall auf fünf oder mindestens um zwei Punkte zu senken. „Die telemedizinische Delegation von Analgetika war sicher und führte zu einer Schmerzreduktion, die dem Mindeststandard in beiden Gruppen überlegen war. Die Dokumentationsqualität war in der Telemedizin-Gruppe besser“, so das Resümee der Autoren. „Wird die telenotärztliche Versorgung übergreifend durchgeführt, so ist zusätzlich mit einer Kostenreduktion zu rechnen, da dann vielerorts auf einen Ausbau der konventionell notärztlichen Ressourcen verzichtet werden kann“, so die Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin (DGAI). Im Notfall erlaubt Die Musterberufsordnung für Ärzte erlaubt ausdrücklich keine ärztliche Behandlung und Beratung ausschließlich über Fernkommunikationsmedien. Eine Ausnahme bilden aber akute Notfälle, bei denen keine andere Form der ärztlichen Hilfe möglich ist. Bedingung ist, dass die Telemedizin allein als „Notmaßnahme“ erfolgt und die Einleitung erforderlicher Maßnahmen nicht zeitlich verzögert. Der Patient muss anschließend trotzdem einer ärztlichen Therapie zugeführt werden. Die Kommission betont, dass auch die AHA (Amersich ausdrücklich für die telemedizinische Unterstützung im Rettungsdienst ausspricht. Auch in Österreich wird die Diskussion über Telemetrie im Rettungsdienst bereits sehr hitzig geführt. Die Österreichische Gesellschaft für Ethik und Recht in der Notfall- und Katastrophenmedizin (öGERN) spricht sich klar für diese Technik aus. Prof. Carla Nau, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein sieht nicht nur in der Analgesie im Rettungsdienst einen Stellenwert der Telemedizin. „Teleschmerztherapie ist ein schnell aufkeimendes klinisches und wissenschaftliches Feld, dem auch großes gesundheitspolitisches Interesse entgegengebracht wird“, so die Anästhesistin. Heißer Draht für Kinder mit Diabetes Natürlich kann eine telemedizinische Unterstützung nicht nur in Notfällen und der präklinischen Phase hilfreich sein. Die Virtuelle Diabetesambulanz für Kinder und Jugendliche (ViDiKi) ist ein Beispiel dafür. Mit dem Projekt soll die medizinische Versorgung von den rund 1.200 Kindern und Jugendlichen, die in Schleswig-Holstein an Diabetes Typ 1 erkrankt sind, deutlich verbessert werden. ViDiKi ist am 1. Juli 2017 gestartet und 240 Kinder sowie Jugendliche mit Diabetes Typ 1 nehmen vorerst daran teil. „Das neue Angebot ersetzt nicht komplett den persönlichen Kontakt zum Arzt. Die Kinder bleiben weiterhin in Betreuung bei ihrem Arzt oder Diabetologen, der auch nach wie vor einmal pro Quartal den wichtigen HbA1c-Wert bestimmt“, so die Projektleiterin Dr. Simone von Sengbusch. Digitales Mittelalter verlassen Es gibt mehrere Möglichkeiten der Konsultation. Darunter fällt beim Beispiel des ViDiKi-Projekts etwa der Kontakt per Telefon und E-Mail oder über ein Arzt-Video-Portal. Das Programm gibt den Familien zusätzliche Sicherheit und erspart ihnen außerdem weite Wege, denn kinderdiabetologische Zentren gibt es nur an den Universitätskliniken in Kiel und Lübeck. Evaluiert wird das Projekt vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie an der Universität zu Lübeck. Auch für erwachsene Diabetiker kann die Telemedizin den Therapieerfolg optimieren. In der kürzlich in Diabetes Care veröffentlichten TeLIPro-Studie wird kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass die Telemedizin zur Verbesserung der Versorgung beitragen kann. „Wir befinden uns im deutschen Gesundheitswesen noch immer im digitalen Mittelalter“, prangert Bernd Altpeter, CEO des Deutschen Instituts für Telemedizin und Gesundheitsförderung (DITG), an. Auch kardial Erkrankte könnten profitieren Neben Diabetes ist auch die Betreuung von Patienten mit kardialen Erkrankungen überwachungsintensiv. 1,2 Millionen Bundesbürger leiden an chronischer Herzinsuffizienz. Besonders in ländlichen Gebieten ist die fachärztliche Betreuung immernoch eine logistische Herausforderung. In der Versorgungsforschungsstudie TIM-HF II (Telemedical Interventional Management in Heart Failure II) wird an 1500 Herzinsuffizienz-Patienten geprüft, ob sich mit einer telemedizinischen Betreuung in ländlichen Regionen die Therapiequalität verbessern lässt. Studienziel ist die Senkung ungeplanter Herzinsuffizienz-Hospitalisierung und der Mortalität sowie die Steigerung der Lebensqualität im Vergleich zur Standardtherapie. Erste Ergebnisse der Studien sind voraussichtlich Ende 2017 zu erwarten. Teuer und nicht besser: Ein gutes Gefühl In die CardioBBEAT-Studie wurden zwischen Januar 2010 und April 2013 insgesamt 621 Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz eingeschlossen. („Cardio“: herzkranke Patienten, „BB“: Berlin und Brandenburg, „EAT“: Economic Analysis of TeleHealth). Die Patienten der Kontrollgruppe werden nach den aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie behandelt, die anderen Patienten zusätzlich in ihrem häuslichen Umfeld telemedizinisch versorgt. Über ein interaktives Telemonitoringsystem wurden täglich die vom Patienten erhobenen Werte für Körpergewicht, Blutdruck und Herzfrequenz dem Telemedizin-Zentrum übermittelt. Bei Überschreitungen von Zielwerten nahm das Zentrum telefonischen Kontakt mit dem behandelnden Arzt auf. Als Schnittstelle agierte der häusliche Fernseher des Patienten. Es sollte gezeigt werden, dass die telemedizinisch versorgten Patienten ökonomischer versorgt werden können. Das Ergebnis ist jedoch enttäuschend. Eine Kosteneffektivität gegenüber der Routineversorgung konnte nicht nachgewiesen werden, ebenso wenig eine Senkung der Mortalität. Lediglich die Lebensqualität war in der telemedizinischen Gruppe signifikant besser. Gesamtsterblichkeit Abb.: Gesamtsterblichkeit während der CardioBBEAT-Studiendauer (Quelle: Pressetext DGK 04/2017) Wer soll das bezahlen? Bisher waren nur wenige telemedizinische Leistungen hinsichtlich der Honorierung abgesichert. Im DRG-Katalog hat die telemedizinische Behandlung von Schlaganfall-Patienten eine eigene OPS-Ziffer. Seit April 2016 können Vertragsärzte spezielle Herzschrittmacher telemedizinisch überwachen. Hierfür wurde die erste telemedizinische EBM-GOP eingeführt. Einige Ansätze, die zumindest eine telemedizinische Beratung beinhalten, findet man in Deutschland dennoch. Beispiele sind der Video-Chat der DAK oder die Plattform TeleClinic, die ihren Kunden anbietet, online oder telefonisch mit einem Arzt zu sprechen, die Kosten werden von einigen Krankenkassen übernommen. DocCheck stellt mit DocCheck Help ebenfalls seit April 2017 einen Beratungsservice zu Verfügung: Hier können sich Patienten gegen eine Servicegebühr von Ärzten über das Smartphone beraten lassen. Den neuesten Beitrag zur Verankerung der Telemedizin in die Regelversorgung liefert das Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen (E-Health-Gesetz). Der Bewertungsausschuss wird darin verpflichtet, den EBM anzupassen. So soll beispielsweise das Telekonsil mit radiologischen Befunden und die Videosprechstunde bis 2017 in den EBM integriert werden. „Mit dem E-Health-Gesetz treiben wir den Fortschritt im Gesundheitswesen voran. Dabei stehen Patientennutzen und Datenschutz im Mittelpunkt“, so Bundesgesundheitsminister Herrmann Gröhe. Die Schweiz traut sich was Fast schon Galaxien von Deutschland und Österreich entfernt, hat die Schweiz die Telemedizin in ihr Gesundheitssystem integriert. Hier ist eine Behandlung und sogar eine Medikation per Telemedizin bereits möglich. Der Patient wird quasi aufgenommen und befindet sich dann zunächst im „virtuellen Wartezimmer“. Anschließend wird er vom Arzt befragt und bekommt eine entsprechende Therapie. So betreuen im Medgate Telemedicine Center, dem größten ärztlich betriebenen telemedizinischen Zentrum Europas, rund hundert Ärzte mehrere tausend Patienten am Tag. Dabei ist das Zentrum sowohl für akute als auch allgemein medizinische Anliegen zuständig. Soweit medizinisch sinnvoll und leitlinienkonform stellen die Ärzte ihren Patienten ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis oder ein Rezept aus. Die Verordnung wird dann direkt an eine Apotheke in der Nähe des Patienten geschickt, wo dieser das Medikament beziehen kann. Alternativ kann es auch an eine Versandapotheke übermittelt werden. Die Frage, ob das fortschrittlich oder eher fatal ist, bleibt sicherlich zunächst diskussionswürdig.

 

 
 

In der Altersforschung erlebt die Parabiose ein Comeback. Studien zeigten: Das Zusammennähen von zwei unterschiedlich alten Mäusen hat verjüngende Effekte auf den Organismus der älteren Maus. Eine neue Anti-Aging-Strategie? Einige Firmen bieten bereits Bluttransfusionen an.

Vor etwa 150 Jahren machte der französische Physiologe Paul Bert eine erstaunliche Entdeckung: Der Wissenschaftler hatte von zwei Ratten Hautstreifen entfernt und die Tiere an dieser Stelle anschließend zusammen genäht. Nach kurzer Zeit waren die Blutgefäße der zwei Nager verschmolzen. Es hatte sich ein Blutkreislauf gebildet. Indem er Flüssigkeiten in die Venen eines Tieres injizierte, konnte Bert zeigen, dass das Blut der einen Ratte auch durch die Adern des anderen Tieres floss. Für seine Arbeit erhielt er zwei Jahre später den Preis der Pariser Akademie der Wissenschaften.

Parabiose wird dieses Phänomen genannt, bei der zwei Organismen miteinander verwachsen sind. Lebewesen können entweder von Geburt an miteinander verbunden sein, wie siamesische Zwillinge, oder sie können mithilfe eines chirurgischen Eingriffs aneinander genäht werden.

Ergebnisse um jeden Preis?

Alterserscheinungen wurden mithilfe parabiotischer Versuche erstmals 1956 untersucht. Hierfür hatte der Biochemiker und Gerontologe Clive McCay von der Cornell University in New York eine alte mit einer jungen Ratte zusammen genäht. Die Ratten blieben über mehrere Monate in dieser Form vereint – zum Vorteil des älteren Tieres, denn seine Knochendichte verbesserte sich. Ein paar Jahre später, im Jahr 1972, veröffentlichten Wissenschaftler von der University of California ebenfalls eine Studie zu dem Thema „junges Blut bei älteren Tieren“. Die amerikanischen Forscher hatten herausgefunden, dass ältere Ratten, die sich Blut mit jüngeren teilten, vier bis fünf Monate länger lebten als solche, die das nicht taten. Allerdings konnten diese Resultate bis heute nicht reproduziert werden.

So faszinierend die Ergebnisse sind, für die Tiere waren diese Versuche jedoch alles andere als angenehm und gingen zudem mit einem hohen Sterberisiko einher: Ratten, die nicht aneinander gewöhnt waren, bissen sich gegenseitig tot. Zudem verstarben 11 der 69 Nager-Paare  an der parabiotischen Krankheit, einer Krankheit, bei der vermutlich das Immunsystem des einen Tieres gegen das Blut des anderen ankämpft.

Ältere Mäuse profitieren von jungem Blut

Ende der 70er Jahre ließ das Interesse an parabiotischen Versuchen nach. Doch heutzutage sind sie im Rahmen der Altersforschung wieder in den Medien. Denn in fast allen Bereichen des Körpers älterer Mäuse scheint „junges Blut“ einen verjüngenden Effekt zu haben, nicht nur auf die Knochendichte. 2005 publizierte ein Forscherteam um Thomas Rando, damals Assistenzprofessor an der Stanford University School of Medicine, wie sich das Blut junger Mäuse auf alternde Muskeln auswirkt. Für einen Zeitraum von sechs bis sieben Monaten, verband er hierfür zwei Mäuse, wobei die eine zwei bis drei Monate jung und die andere zwischen 19 und 26 Monate alt war. Nach fünf Wochen verletzte der Wissenschaftler bei jeder Maus die Muskeln an der Hinterpfote. Fünf Tage später war die Verletzung der älteren Tiere ebenso gut verheilt wie die der jüngeren. Wahrscheinlich, da die Stammzellen des älteren Tieres angeregt wurden, sich zu teilen. War die ältere Maus jedoch mit einem gleichaltrigen Nager verbunden, heilte die Verletzung weitaus schlechter – so wie es normal ist bei nicht-parabiotischen älteren Tieren.

Ab diesem Zeitpunkt erschienen viele verschiedene Veröffentlichungen zu dem Thema. Junges Blut kann demnach beschädigtes Rückenmark reparieren, verdickte Herzmuskeln zurückbilden oder die Bildung neuer Neuronen im Gehirn und dem Geruchsystem unterstützen. Der Effekt funktioniert auch mit Plasma von Menschen. Im April dieses Jahres zeigte Tony Wyss-Coray von der Stanford University School of Medicine, dass sich die Erinnerungs- und Lernfähigkeit alter Mäuse durch menschliches Nabelschnurplasma verbessert. Hierfür hatte das Forscherteam den Tieren über zwei Wochen jeden vierten Tag das Plasma gespritzt.

Tierfreundlicheres Vorgehen

Seit den 70er Jahren hat sich viel zum Wohle der Tiere verändert. Damit die Tiere weniger leiden müssen, werden Mäuse gleichen Geschlechts und gleicher Größe mindestens zwei Wochen vor dem chirurgischen Eingriff aneinander gewöhnt. Für die Operation werden sie narkotisiert. Um die Sterblichkeit der Versuchstiere zu senken, werden heutzutage nur genetisch gleiche Tiere verbunden. Denn diese scheinen nicht an der Parabiose-Krankheit zu erkranken. Antibiotikagaben verringern zudem das Infektionsrisiko. Nach dem chirurgischen Eingriff verhalten sich die verbundenen Tiere normal und sie lassen sich auch später wieder erfolgreich trennen.

Unbekannter Wirkmechanismus

Die Frage, wie genau das „junge Blut“ auf den älteren Organismus wirkt, ist bis heute unklar. Vermutet wird, dass bestimmte Bestandteile des Blutes sich positiv auf die älteren Stammzellen auswirken. Eine mögliche Erklärung für die positiven Effekte des jungen Bluts könnte das Protein GDF11 (Growth Differentation Factor 11) sein, dessen Konzentration im Blut immer mehr abnimmt, je älter man wird. Forscher der Havard University in Cambridge hatten das Protein älteren Mäusen mit Herzhypertrophie über vier Wochen verabreicht, woraufhin sich das vergrößerte Herz zurückbildete. Auch das Protein TIMP2 (Tissue Inhibitor Metalloprotease) steht unter dem Verdacht, sich positiv auszuwirken, indem es die Funktion des älteren Hippocampus verbessert, das Hormon Oxytocin soll Alterungsprozesse aufhalten. Beides findet sich vermehrt in jungem Blut.

Doch nicht immer herrscht Einigkeit. Das Biotechnologie-Unternehmen Novartis beispielsweise konnte die positive Wirkung von GDF11 nicht reproduzieren. Das Problem sei, dass GDF11 dem Protein Myostatin ähnelt und die von den Havard-Wissenschaftlern verwendeten Nachweismethoden zwischen diesen beiden Substanzen nicht unterscheiden könne. Myostatin hemmt das Muskelwachstum und seine Konzentration im Blut nimmt im Alter zu. Tatsächlich würden auch die GDF11-Level im Alter ansteigen, was Novartis mit anderen Reagenzien nachgewiesen haben will. Das Forscherteam der Havard University erwiderte, dass womöglich mehrere Formen von GDF11 existieren und die von Novartis durchgeführten Tests aufgrund einiger Abweichungen nicht vergleichbar wären.

Die Ursache für den verjüngenden Effekt der Parabiose könnte jedoch auch darin liegen, dass sich die verbundenen Tiere Organe teilen. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, entwickelten Irina Conboy eine Vorrichtung, mit deren Hilfe sie das Blut von jungen und alten Mäusen austauschen konnte. Es zeigte sich, dass der hemmende Effekt des alten Blutes auf junge Mäuse deutlich ausgeprägter war, als der Nutzen des jungen Blutes auf alte Mäuse. Grund für die beobachteten positiven Effekte bei alten Mäusen könnten, so die Forscher, auch damit erklärt werden, dass das alte Blut verdünnt würde.

Verjüngungskur kostet 8000 Dollar

Obwohl der Wirkmechanismus des jungen Mäusebluts auf älteres Gewebe bisher ungeklärt ist, haben einige Firmen eigene Studien am Menschen gestartet. Im Gegensatz zu den Tierversuchen wird allerdings auf eine Parabiose verzichtet. Denn wer möchte sich schon freiwillig mit einem anderen Menschen zusammen nähen lassen? Stattdessen erhalten die Studienteilnehmern Blut, das jüngere Menschen gespendet haben.

Eine dieser Firmen ist das Start-up Ambrosia aus Monterey in Kalifornien. Für die Studie sucht Firmengründer Jesse Karmazin derzeit noch Teilnehmer. Voraussetzung ist, dass man mindestens 35 Jahre alt, nicht schwanger und gesund ist. Wenn man dann noch das nötige Kleingeld übrig hat, nämlich 8.000 Dollar, steht der Verjüngungskur nichts mehr im Wege: Dann erhält man eine einmalige Plasmainfusion von einem Spender, der maximal 25 Jahre alt ist. Eine Kontrollgruppe gibt es nicht, niemand möchte 8.000 Dollar für ein Placebo ausgeben. Stattdessen wird das Blut der Teilnehmer vor und nach der Infusion auf verschiedene Biomarker untersucht. Gegenüber einem Fachmagazin versicherte der Firmengründer, dass die Teilnahmegebühr notwendig sei, um unter anderem die Kosten für das Plasma, die Genehmigung der Ethikkommission und die Labortests zu decken.

Eine weitere Firma ist Alkahest. Das Privatunternehmen aus San Carlos in Kalifornien wurde von Wyss-Coray gegründet und startete zusammen mit der Stanford University im September eine randomisierte placebokontrollierte Doppelblindstudie. 18 Alzheimer-Patienten über 50 Jahre erhalten vier Infusionen von jungen Spendern über vier Wochen. Primärer Endpunkt ist die Sicherheit. Zudem suchen die Wissenschaftler nach Veränderungen im Gehirn oder im Blut. Bis Ende des Jahres soll die Studie abgeschlossen sein.

Auch ein Krankenhaus in Südkorea startete eine randomisierte placebokontrollierte klinische Studie. 64 Studienteilnehmer, die mindestens 55 Jahre alt sind, erhalten entweder frisches Nabelschnurblut, eingefrorenes Nabelschnurblut, eingefrorenes Plasma oder ein Placebo. Ziel der Studie ist neben der Überprüfung der Sicherheit auch die Untersuchung der Auswirkung des Blutes bzw. Plasmas auf Alterserscheinungen.

Vorsicht vor unnötigen Bluttransfusionen

Derzeit existieren keine Daten, die eine lebensverlängernde Wirkung von Bluttransfusionen belegen. Behandlungen zur Lebensverlängerungen sind daher nicht sinnvoll. Hinzu kommt, dass Bluttransfusionen, obwohl sie schon zur Routine gehören, nicht auf die leichte Schulter genommen werden dürfen. Neben der Übertragung von Infektionen können – selbst bei einem gut passendem Spender – Immunreaktionen auftreten. Im Extremfall erleidet der Empfänger sogar einen anaphylaktischen Schock.

 

 

 

Privatpatienten erhalten neue Arzneimittel früher als gesetzlich Versicherte. In einer Studie stellen sich die privaten Versicherungen als „Innovationsmotor“ des medizinischen Fortschritts dar, von dem letztlich alle profitieren. Mehr als ein Mittel zum Wahl-Zweck?

Deutschland ist mitten im Wahlkampf. Einige Parteien sprechen sich klar für die Bürgerversicherung ohne private Kassen aus. Dazu hat das Wissenschaftliche Institut der Privaten Krankenversicherung (WIP) mehrere Studien veröffentlicht: Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Arbeiten die Botschaft, dass Privatversicherte unsere Arzneimittelversorgung subventionieren. Wie sieht der Einfluss der Privatversicherungen auf Arzneimittelabgaben in Deutschland im Detail aus?

Innovationen schneller bei der PKV

Die beiden Forscher Christian O. Jacke und Frank Wild vom WIP gingen unter anderem der Frage nach, wann Versicherte Zugriff auf innovative Arzneimittel haben. Dazu zogen sie Zuwachsraten neuer Medikamente in den Privaten Krankenversicherungen (PKVen) und den Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKVen) heran, gemessen an abgegebenen Packungen der Medikamente im jeweiligen Zulassungsjahr.

  • In den Jahren 2011 und 2012 war der Anstieg neu zugelassener Medikamente tatsächlich bei den GKVen größer als bei den PKVen. Jacke und Wild erklären das Phänomen mit abgeschlossenen AMNOG-Verfahren und einem höheren Mengenbedarf.
  • Ab dem Zulassungsjahr 2013 überstiegen die Zuwachsraten neuer Medikamente in der PKV die prozentualen Steigerungen in der GKV. Eine Ursache für die zurückhaltende Verordnung neuer Medikamente bei GKV-Versicherten sieht das WIP darin, dass Ärzte erst nach abgeschlossenen Preisverhandlungen beurteilen können, ob neue Medikamente einen Mehrwert bieten.
Marktanteile GKV-PKV
Marktanteil Privatversicherter bei umsatzstarken Arzneimitteln (PKV-Bevölkerungsanteil: 10,8 Prozent) © WIP

Dass es durchaus zu unterschiedlichen Phänomenen kommen kann, zeigen Experten anhand mehrerer Pharmaka. Im Jahr 2011 wurden Zytiga® (Abirateron), Brilique® (Ticagrelor) und Gilenya® (Fingolimod) zugelassen. Für Zytiga® fanden Versorgungsforscher mit einem PKV-Marktanteil von 20,4 Prozent den erwarteten Effekt. Ab dem zweiten Jahr kam es auch bei GKV-Versicherten zu mehr Verordnungen. Gilenya® weist einen deutlich niedrigeren Anteil im PKV-Bereich auf, was vor allem an der schwach vertretenen Gruppe der 30- bis 45-jährigen Frauen bei PKVen liegt. Brilique® wiederum erreicht nach vier Jahren den statistischen Anteil Privatversicherter von 10,8 Prozent.

Prozentualer Zuwachs der Verordnungen
Prozentualer Zuwachs der Verordnungen von 2014 auf 2015 nach Jahr der zugelassenen Medikamente © WIP

Die Autoren sprechen zusammenfassend von einer „wechselseitige Beziehung des Innovationstreibers PKV einerseits, und der GKV mit ihren Impulsen zur Ressourcenschonung und Steigerungen von Effizienzreserven andererseits“. PKV-Versicherte erhielten deutlich schneller neue Arzneimitteltherapien als GKV-Versicherte. „Sie beteiligen sich überproportional an den Kosten von Arzneimittelinnovationen, als man das a priori von einem PKV-Bevölkerungsanteil von 10,8 Prozent erwarten kann.“ Damit werde die Rolle von PKVen als „Innovationstreiber“ sichtbar.

Biologicals: Preisbewusstsein ohne Kontrolle

Bei Biologicals gab es jedoch Überraschungen. Im Unterschied zu GKV-Verordnungen fehlen bei Privatverordnungen Steuerungsmechanismen regionaler kassenärztlicher Vereinigungen. „Ein erhöhtes Kostenbewusstsein bei den verordnenden Ärzten für Biologika und Biosimilars mag sich einstellen“, schreiben Jacke und Wild. „Es ist durchaus denkbar, dass sich das geänderte Verordnungsverhalten auf die Privatversicherten überträgt.“ Aufgrund des Kostenerstattungsprinzips kennen viele Privatversicherte die Preise und lassen sich vielleicht kostengünstigere Varianten verordnen. Das mag angesichts exorbitant hoher Preise, verglichen mit vielen organisch-synthetischen Wirkstoffen, auch zutreffen.

Biosimilarquote
Biosimilarquoten in GKV und PKV 2015 © WIP

Weniger Bürokratie, weniger Risiko

Der Einfluss privater Krankenkassen endet nicht beim Arzt, sondern erstreckt sich auf öffentliche Apotheken. In einer weiteren Analyse berichtet Frank Wild, durch PKV-Versicherte komme es zu Mehreinnahmen von 123,2 Millionen Euro, also 6.000 Euro pro Apotheke. Wie kommt er auf diese Zahlen?

Bei Privatpatienten gibt es keine Apothekenrabatte. „Dies führt zu einem höheren Abrechnungspreis in der PKV beziehungsweise zu einem höheren Umsatz für die Apotheken“, schreibt Wild. Seiner Analyse zufolge wurden in 2015 rund 58,9 Millionen Packungen zu Lasten der PKV bezogen. „Multipliziert mit dem Apothekenabschlag von 1,77 Euro je Packung ergibt sich eine Mehreinnahme von 104,3 Millionen Euro zugunsten der Apotheken“, resümiert Wild im Bericht.

Gleichzeitig weist er auf Unterschiede im Verschreibungsverhalten hin. Der Durchschnittspreis eines verschreibungspflichtigen Medikaments liegt bei 68,79 Euro für die PKV versus 53,22 Euro für die GKV. Aus der relativen Komponente im Honorar, also drei Prozent des Apothekeneinkaufspreises, kommt Wild auf Mehreinnahme von 18,9 Millionen Euro bei Privatversicherten.

Und nicht zuletzt zeigen sich organisatorische Unterschiede. GKVen arbeiten nach dem Sachleistungsprinzip. Sie haben mit Rabattverträgen ein bürokratisches Ungetüm geschaffen, das Apothekern viel Arbeit beschert. Retaxationen führen ebenfalls zu viel Ärger und zu wirtschaftlichen Schäden. Bei PKV-Patienten ergibt sich diese Problematik nicht.

Sinnvolle Steuerung gesucht

Aus den Analysen abzuleiten, dass Deutschlands Arzneimittelversorgung ohne die Dualität von GKV und PKV nicht funktioniert, ist mutig. Schließlich werden bestehende Probleme nicht gelöst. Das beginnt schon bei der Markteinführung neuer Präparate. „Fast der Hälfte der bislang 228 bewerteten Arzneimittel im AMNOG-Verfahren wurde kein Zusatznutzen zuerkannt – obgleich die Medikamente bereits im Zulassungsverfahren ihre indikationsspezifische Wirksamkeit und ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis nachgewiesen haben“, konstatiert der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie. Schon lange fordern Experten Nachbesserungen. Außerdem müssten sich Apothekenhonorare an der Leistung, also am Aufwand der Beratung orientieren, und nicht an packungsbezogenen Kennzahlen.

Demenz: Die Parkinson-Prophezeiung

 

Charakteristisch für die Parkinson-Erkrankung sind Bewegungsstörungen. Durch die Abbauprozesse im Gehirn werden aber auch oft die geistigen Leistungen beeinträchtigt. Neurologen entwickelten jetzt einen Risiko-Score, der den Verlauf kognitiver Funktionen vorhersagen soll.

Etwa 300.000 bis 400.000 Menschen in Deutschland sind von einer Parkinson-Erkrankung betroffen. Meist beginnt die Krankheit zwischen dem 50. und 79. Lebensjahr. Als Hauptsymptome gelten Störungen der Bewegungsfähigkeit: eine zunehmende Muskelstarre (Rigor), verlangsamte Bewegungen (Bradykinese) bis hin zur Bewegungslosigkeit (Akinese), Muskelzittern (Tremor) und eine Störung der aufrechten Körperhaltung (posturale Instabilität). Allerdings treten im Verlauf häufig weitere Symptome auf: Das können psychische Symptome wie eine erhöhte Depressivität, Störungen des sensorischen Systems, etwa eine Minderung des Geruchssinns (Hyposmie) und vegetative Symptome wie Störungen der Blasen- und der Magen-Darm-Funktionen sein.

Viele Parkinson-Patienten leiden im Verlauf ihrer Krankheit auch zunehmend unter kognitiven Beeinträchtigungen. So entwickeln 24 bis 31 Prozent der Betroffenen im Lauf der Zeit eine Demenz. Selbst im Frühstadium lassen sich oft bereits kognitive Beeinträchtigungen beobachten: So betrug die Häufigkeit leichter kognitiver Beeinträchtigungen bei frisch diagnostizierten Patienten, die noch keine Medikamente nahmen, 14,8 Prozent – in einer vergleicharen Stichprobe Gesunder waren es nur 7 Prozent. Mit zunehmendem Lebensalter, zunehmendem Schweregrad und zunehmender Dauer der Erkrankung steigt die Wahrscheinlichkeit kognitiver Störungen deutlich an.

Im Gegensatz zu einer Alzheimer-Demenz stehen beim Parkinson-Syndrom häufig nicht die Störungen des Gedächtnisses im Vordergrund. Stattdessen können eine Reihe unterschiedlicher kognitiver Fähigkeiten betroffen sein: Die Aufmerksamkeit, das Lernen und der Abruf von Informationen, die visuell-räumliche Wahrnehmung, die sprachlichen Fähigkeiten und die so genannten exekutiven Funktionen, etwa das Setzen von Zielen und die Planung von Handlungen. Zudem lässt sich oft eine allgemeine kognitive Verlangsamung beobachten. Zum Beispiel fällt es den Betroffenen zunehmend schwerer, mehrere Reize gleichzeitig zu beachten oder ihren Alltag zu planen, sie verarbeiten Reize langsamer, erledigen Aufgaben langsamer und ihre Sprache verarmt zunehmend.

7 Faktoren, die kognitive Beeinträchtigung vorhersagen

Nun hat ein Forscherteam um Clemens R. Scherzer von der Harvard Medical School und dem Brigham and Women’s Hospital in Boston (USA) in einer Längsschnittstudie ein Messinstrument entwickelt, das die zukünftige kognitive Beeinträchtigung bzw. die Entwicklung einer Demenz bei Parkinson-Patienten vorhersagen soll.

In die Untersuchung wurden neun Studiengruppen mit Parkinson-Patienten aus Nordamerika und Europa einbezogen, bei denen zwischen 1986 und 2016 wiederholt Daten erhoben worden waren. Sechs Kohorten mit insgesamt 1.350 Patienten wurden zur Entwicklung des Vorhersage-Instruments verwendet, drei Kohorten mit insgesamt 1.132 Patienten dienten zur Überprüpfung und Replikation der Ergebnisse. Zum Zeitpunkt der Diagnosestellung zeigte keiner der Patienten kognitive Beeinträchtigungen.

Orientiert an den Ergebnissen früherer Studien, bezogen die Forscher zur Entwicklung des Vorhersage-Werts folgende Daten ein: Das Alter bei Beginn der Erkrankung, das Geschlecht, das Vorliegen einer Depression und die Ausbildungsdauer (in Jahren). Weiterhin wurden der Ausgangswert im Mini Mental Status Test (MMST), die Ergebnisse aus drei motorischen Tests für Parkinson-Patienten (der Unified Parkinson’s Disease Rating Scale II und III sowie der Hoehn & Yahr Skala für motorische Symptome) und Mutationen des Gens für β-Glucocerebrosidase (GBA) einbezogen.  Solche Mutationen werden mit einem erhöhten Risiko für die Parkinson-Erkrankung in Verbindung gebracht.

Zwei Maße – die Ergebnisse der Unified Parkinson’s Disease Rating Scale II und der Hoehn & Yahr Skala für motorische Symptome – hatten keinen zusätzlichen Vorhersagewert und wurden deshalb nicht weiter berücksichtigt. Die übrigen sieben Faktoren wurden mit unterschiedlicher Gewichtung in die Berechnung eines kognitiven Risiko-Scores einbezogen, der zwischen 0 und 1 liegen kann.

Vorhersagegenauigkeit von 85 Prozent

Der so entwickelte Risiko-Wert sagte die kognitiven Beeinträchtigungen in den ersten zehn Jahren nach Diagnosestellung mit einer Genauigkeit von 85 Prozent vorher – und die Entwicklung einer Demenz in diesem Zeitraum mit einer Genauigkeit von 88 Prozent. „Mithilfe unseres Risiko-Scores könnte die Vorhersage zukünftiger kognitiver Leistungen bei Parkinson-Patienten verbessert werden“, erläutert Scherzer. „Maßnahmen zur Verbesserung oder Stabilisierung der kognitiver Fähigkeiten, etwa Medikamente oder kognitive Trainings, könnten gezielter entwickelt und überprüft werden, wenn nur Patienten mit hohem Risiko für eine Demenz in die Studien einbezogen werden.“ Auf diese Weise könne die Größe der Stichproben reduziert und die Chancen, erfolgreiche Behandlungsansätze zu entdecken, deutlich erhöht werden.

Ist der Risiko-Score in der Klinik hilfreich?

Wie bewertet Günter Höglinger, Leiter der Ambulanz für Parkinson-Syndrome am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, den Risiko-Score: „Die Aspekte, die in den Vorhersage-Wert einfließen, sind bekannte Risikofaktoren für Demenz“, sagt er. „Bisher ist mir kein ähnlicher Risiko-Score bekannt.“ Aus seiner Sicht werde sich der neu entwickelte Risiko-Score eher nicht in der klinischen Routine etablieren, er könnte aber zu Forschungszwecken nützlich sein.

Auch wenn GBA-Mutationen nicht in die Auswertung einbezogen wurden, war die Vorhersage-Genauigkeit noch sehr hoch, berichten Scherzer und sein Team. Somit sei die Berechnung des Risiko-Scores auch allein mit klinischen Daten, ohne aufwändige genetische Untersuchungen möglich.

Eine Möglichkeit zur Berechnung des Risiko-Scores haben die Forscher bereits für andere Wisssenschaflter online zur Verfügung gestellt. Um den Vorhersage-Algorithums in der klinischen Praxis einzusetzen, müsse er jedoch noch in weiteren prospektiven Untersuchungen überprüft werden, betonen Scherzer und sein Team.

Wie hängen Bewegungsstörungen und kognitive Leistungen zusammen?

Die Erklärung, warum es bei der Parkinson-Krankheit neben motorischen Symptomen auch zu kognitiven Störungen kommt, liegt in den Nervenzellen des Gehirns: Verschiedene Untersuchungen belegen, dass es bei Parkinson zum Absterben von Nervenzellen in tiefer gelegenen Regionen des Gehirns kommt – vor allem in den Basalganglien, die eine wichtige Rolle bei der Steuerung von Bewegungen spielen. Die Zerstörung der Nervenzellen führt zu einem Mangel des Botenstoffs Dopamin, wodurch die motorische Aktivierung gestört ist. Gleichzeitig kommt es zu Veränderungen bei anderen Botenstoffen im Gehirn: insbesondere von Acetylcholin, aber auch von Serotonin und Noradrenalin.

Mehrere Studien haben sich nun damit beschäftigt, ob ein Zusammenhang zwischen bestimmten Störungen der Bewegungsfähigkeit und bestimmten kognitiven Beeinträchtigungen besteht. Dabei wurde ein Zusammenhang zwischen einer verlangsamten Bewegungsfähigkeit und leichten kognitiven Beeinträchtigungen bzw. unflexibem Denken beobachtet, während bei Patienten, bei denen ein Tremor im Vordergrund stand, kaum kognitive Beeinträchtigungen auftraten.

In einer aktuellen Studie untersuchte ein Forscherteam um Jian Wang vom Huashan Hospital in China bei 96 chinesischen Parkinson-Patienten, wie bestimmte motorische Symptome mit verschiedenen Aspekten der kognitiven Leistungsfähigkeit zusammenhängen. Die Wissenschaftler stellten fest, dass Störungen der Aufmerksamkeit und der exekutiven Funktionen (also der Planungsfähigkeit und Handlungssteuerung) mit verlangsamten Bewegungen und Muskelsteifigkeit assoziiert waren, während Störungen des visuell-räumlichen Fähigkeiten mit Tremor, aber auch mit verlangsamten Bewegungen zusammenhingen.

Neuronale Netzwerke hinter den Symptomen verstehen

Die Ergebnisse könnten ein Hinweis darauf sein, dass es verschiedene Typen von Parkinson-Erkrankungen gibt, bei denen unterschiedliche Netzwerke im Gehirn betroffen sind. So könnten verlangsamte Bewegungen und unflexibes Denken mit Störungen in einem bestimmten dopaminergen Netzwerk im Gehirn zusammenhängen, während bei Tremor ein anderes Netzwerk eine Rolle spielen könnte.

Untersuchungen belegen bereits, dass der Dopaminmangel in den Basalganglien und in Netzwerken, die die Basalganglien mit dem Stirnhirn verbinden, auch bei Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen eine Rolle spielt. Die Forschergruppe um Wang konnte zudem zeigen, dass die kognitiven Auffälligkeiten von Parkinson-Patienten mit einer verminderten Aktivität im Stirn- und Schläfenlappen des Gehirns zusammenhängen.

„Zukünftige Studien sollten den Zusammenhang zwischen motorischen und kognitiven Funktionen über einen längeren Zeitraum untersuchen“, betonen Wang und sein Team. „Solche Ergebnisse könnten dazu beitragen, den Verlauf der Parkinson-Erkrankung besser vorherzusagen. Zudem könnten sie die Entwicklung neuer Behandlungsmögichkeiten zur Linderung der Symptome erleichtern.“

 
 

 

 
 

epression: Hilfe aus dem Off

Rund jeder zehnte Hausarztpatient zeigt Anzeichen einer Depression. Nur die wenigsten beginnen eine Therapie. Mit einem neuen Behandlungsverfahren soll der Fokus nun auf eine Online-Betreuung gesetzt werden, die Hilfe leistet, bevor eine schwere Depression entsteht.

Niedergeschlagenheit muss nicht immer in einer Depression münden – aber sie kann ein Vorbote sein. Unklar ist hierbei, an welcher Stelle eine schwere Depression beginnt und ob auch eine leichte Depression oder eine depressive Verstimmung schon behandlungsbedürftig ist.

Die Grenzen zwischen der subklinischen Depression und einer klassischen unipolaren Depression sind fließend und verändern sich entsprechend den gerade gültigen Leitlinien

Vernachlässigte Depressions-Vorstufe?

Rund jeder zehnte Hausarztpatient zeigt Anzeichen einer Depression, aber nur die wenigsten gelangen konsequenterweise in die Obhut eines Spezialisten. Mehr als die Hälfte depressiver Menschen bekommen laut Detlev Ganten, Präsident des World Health Summit, keine angemessene Behandlung, weil die Krankheit von Ärzten und Patienten nicht ernst genommen wird.   Aber auch wenn es zu einer Therapie kommt, können Probleme entstehen, besonders bei ernsten Fällen: Antidepressiva helfen dauerhaft weniger als einem Drittel dieser Patienten.

Die zum Einsatz kommenden Wirkstoffe oder ihre Derivate sind meist bereits seit über einem halben Jahrhundert in Gebrauch, wirken nicht spezifisch und helfen nur einem Teil der Erkrankten. Depression ist die Krankheit mit der längsten Dauer im Verlauf eines Lebens. Angesichts der unzureichenden Versorgung ist demnach die Prävention umso wichtiger. Die Behandlung auch schon geringgradiger Depressionssymptome sollte begonnen werden, bevor die Krankheit in eine ernsthafte Form übergeht.

Subklinische Depression, Subthreshold Depression oder Dysthymie – wer nach diesen Stichworten sucht, findet nur wenige Studien dazu. In den letzten zwei Jahren sind jedoch zwei größere Untersuchungen im Journal of the American Medical Assoviation (JAMA) erschienen, die jeweils die psychotherapeutische Behandlung der Krankheit beschreiben, noch bevor sie wirklich gefährlich wird: Während die britisch-amerikanische Studie dabei eher Patienten im Seniorenalter rekrutierte, sahen sich Forscher der Universität Erlangen-Nürnberg Teilnehmer im Durchschnittsalter von circa 45 Jahre an.

Ermutigung durch wöchentlichen Telefonanruf

Wie in der ersten von beiden Studien deutlich wird, hat sich im angloamerikanischen Raum das „Collaborative Care“-Modell bewährt, in dem eine psychotherapeutische Versorgung in die Primärversorgung integriert ist. Ein „Care Manager“ überwacht dabei die Behandlung unter der Verantwortung eines Psychotherapeuten. In dieser Studie mit 705 Patienten mit mindergradiger Depression im Alter von über 65 Jahren verglichen Simon Gilbody von der University of York und seine Kollegen die normale hausärztliche Versorgung mit dem integrierten Versorgungsansatz. Der bestand in diesem Fall aus wöchentlichen Telefonanrufen durch den Care Manager.

In der ersten Einheit trafen sich dabei Fachkraft und Patient persönlich, danach wurde der Patient in einem halbstündigen fernmündlichen Gespräch ermutigt, mehr soziale Kontakte zu knüpfen und mit Hobbys und anderen Aktivitäten depressive Perioden zu vermindern. Nach vier Monaten sowie einem Jahr maßen die Wissenschaftler mittels Fragebogen den Effekt dieser Kurzzeit-Maßnahme.

Im Vergleich zur Kontrolle schnitten die so betreuten Patienten auf einer Neun-Punkte-Skala nach vier Monaten um 1,3 Punkte besser ab. Auch nach einem Jahr blieb dieser Unterschied stabil. Die Effektgröße von 0,3 entspricht dabei den Ergebnissen ähnlicher Studien bei Fällen von schwerer Depression. Das Risiko, an einer schweren Depression zu erkranken, sank dabei um ein Drittel. Die vergleichsweise unaufwändige Maßnahme verringerte jedoch nicht nur das Risiko, sondern half auch gegen Ängste und funktionelle Einschränkungen im Alltag als Folge der leichten Depression. In einem Kommentar zu dieser Studie lobt Kurt Kroenke vom Regenstief Institut in Indianapolis, dass diese kurze und ökonomische Maßnahme der Verhaltensaktivierung scheinbar gut dazu geeignet ist, den Übergang in eine schwerere Form der Krankheit zu verhindern.

Selbsthilfe-Programm online

Zu diesem Ergebnis kommt auch die zweite deutsche Studie mit über 400 Teilnehmern, die statt des Telefons ein interaktives Online-Programm verwendete. Auch hier verglichen die Studienleiter ein „normales“ webbasiertes psychotherapeutisches Selbsthilfeprogramm mit einer persönlichen Behandlung durch einen Online-Trainer, die Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie enthielt.

Die Teilnehmer bekamen Hausaufgaben, die der Betreuer individuell beurteilte und entsprechend darauf reagierte. Insgesamt sollten sechs 30-minütige Sitzungen den Patienten weiterhelfen, im Idealfall zwei pro Woche. Zwölf Monate später analysierten die Wissenschaftler die Ergebnisse anhand von strukturierten Telefoninterviews mit den Teilnehmern, um herauszufinden, ob aus der leichten eine schwere Depression geworden war.

Nicht alle wollen eine Therapie

Beim einfachen Selbsthilfeprogramm war das immerhin bei 41 von 100 der Fall. Wirkte der Online-Trainer aktiv an der Therapie mit, sank die Rate auf 27 Prozent. Die daraus errechnete Hazard-Ratio beträgt 0,59. Pro sechs Patienten kann das Intensiv-Programm also innerhalb eines Jahres eine schwere Depression verhindern.

Dennoch erscheinen 28 bzw. 41 Prozent als Risikoziffern für die Verschlimmerung einer leichten Depression eher hoch. Andere Studien berichten eher von rund 10 bis 20 Prozent. Möglicherweise liegt das aber auch an der Teilnehmerauswahl. Für die Studie kamen nur Personen mit funktionellen Einschränkungen im Alltag in Frage, ausgewählt aus den Akten einer großen gesetzlichen Krankenkasse. Schließlich gibt es auch keine Konsensusdefinition für eine subklinische Depression, sodass sich auch hier die Ausgangsbasis zwischen den Studien unterscheidet.

Nicht alle, die – wenn auch über längere Zeit – mit düsteren Gedanken  zu kämpfen haben, wollen überhaupt eine Therapie. Nur bei entsprechender Entschlossenheit ist der Erfolg einer solchen Maßnahme wirklich spürbar.

Prävention rechnet sich

Die Frage, ob es sinnvoller ist, bei länger andauernden leichten Symptomen einer Depression erst abzuwarten oder gleich mit einer Therapie anzusetzen, lässt sich derzeit aufgrund mangelnder Daten nicht beantworten. Bisherige Ergebnisse deuten darauf hin, dass Antidepressiva bei Patienten mit subklinischer Krankheit nicht besser als Placebo wirken. Insofern scheint die psychotherapeutische Methode der pharmakologischen überlegen. Ob die webbasierte Therapie auch ökonomischer als eine herkömmliche Behandlung ist, ist Gegenstand aktueller Studien.

In ihrem Artikel im Journal of Medical Internet Research betonen die Autoren den eindeutigen ökonomischen Vorteil einer webbasierten Behandlung: Sie kalkulierten ihre Mehrkosten für die 200 Teilnehmer der intensivierten und personalisierten Therapie pro Patient mit rund 136 Euro für die bereits erwähnten sechs Sitzungen. Der Großteil davon geht auf den Coach, der insgesamt rund drei Stunden Zeit pro Teilnehmer aufwendete. Auf der Gegenseite stehen die zusätzlichen depressionsfreien Jahre und die erhaltene Lebensqualität, errechnet aus den standardisierten Interviews mit den Teilnehmern.

Rund drei Monate muss ein Mensch mit Depression im Schnitt warten, bis er einen Therapieplatz bei einem Spezialisten bekommt. Dann dauert es noch einmal rund ein Vierteljahr, bis die eigentliche Behandlung beginnt. Um es gar nicht zu einem Fortschreiten der Anfangsphase einer Depression kommen zu lassen, sind also Frühmaßnahmen gefragt.

Nachtschicht: Durchmachen bis zum Krebs

 

Wer immer wieder nachts arbeitet, stellt nicht nur seinen Biorhythmus auf den Kopf, sondern erhöht auch sein Krebsrisiko. Schuld daran könnte ein Mangel des Schlafhormons Melatonin sein, das an der DNA-Reparatur beteiligt ist.

Ob häufiges Arbeiten in der Nacht krebserregend ist, wird schon lange diskutiert. Bereits vor zehn Jahren hat die International Agency for Research on Cancer Nachtschichten, die einen normalen Tag-Nacht-Rhythmus verhindern, als „wahrscheinlich“ krebserregend eingestuft. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilt diese Ansicht. Vorausgegangen war unter anderem eine im Jahr 2001 veröffentlichte Studie, die gezeigt hatte, dass Krankenschwestern, die über 30 Jahre nachts arbeiteten, ein 1,5-fach höheres Brustkrebsrisiko hatten als ihre Kolleginnen, die nachts schliefen und tagsüber arbeiteten.

Nachts funktioniert die DNA-Reparatur besser

Epidemiologen haben nun molekulare Mechanismen, die hinter der erhöhten Brustkrebsrate bei nächtlich arbeitenden Frauen vermutet wird, untersucht. Eine aktuelle Studie legt nahe, dass der menschliche Körper Schäden an der DNA nachts effektiver reparieren kann als tagsüber. Parveen Bhatti vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle und seine Kollegen hatten in einer vorherigen Studie an Krankenschwestern und anderen Angestellten herausgefunden, dass Menschen, die häufig nachts arbeiteten, weniger 8-Hydroxydesoxyguanosin (kurz: 8-OH-dG) ausschieden.

8-OH-dG entsteht, wenn der DNA-Bestandteil Guanosin oxidiert. „Dazu kommt es routinemäßig, da in normalen Stoffwechselprozessen reaktiver Sauerstoff frei wird. Dieser reagiert mit der DNA und kann dort Mutationen hervorrufen“, erklären die Wissenschaftler den Prozess. DNA-Reparaturenzyme entfernen das schädliche 8-OH-dG und ersetzen es durch unoxidierte Guanosin-Moleküle.

Licht stört den Biorhythmus in der Nacht

Scheidet ein Mensch 8-OH-dG in ausreichender Menge über den Urin aus, gehen Wissenschaftler davon aus, dass ihre DNA-Reparatur intakt ist. Bhatti und seine Kollegen vermuten, dass die verminderte Ausscheidung von 8-OH-dG der häufig nachts arbeitenden Frauen ein (Mit-)Grund für ihre erhöhte Brustkrebsanfälligkeit sein könnte. An der DNA-Reparatur ist offenbar auch das oft als „Schlafhormon“ bezeichnete Melatonin beteiligt.

„Zwischen 19 und 20 Uhr beginnt die Melatonin-Konzentration im Körper anzusteigen. Sie erreicht ihren Peak zwischen 1 und 2 Uhr nachts und fällt dann bis in die frühen Morgenstunden wieder ab“, so die Epidemiologen. Licht sorgt dafür, dass die Zirbeldrüse im Gehirn die Melatoninproduktion reduziert. Auch Licht aus Laptops und Smartphones beeinträchtigen die Synthese des Schlafhormons. „Melatonin synchronisiert die physiologischen Abläufe und den Rhythmus des menschlichen Körpers“, so Bhatti. Das Hormon sei vergleichbar mit dem Mond, der die Gezeiten rhythmisch koordiniert.

 

Niedriger Melatoninspiegel korreliert mit verminderter 8-OH-dG-Ausscheidung

Die Forscher mutmaßen, dass der menschliche Schlaf unter anderem der Abwehr von Krebs dient. In früheren Studien wurde sowohl Melatonin als auch die DNA-Reparatur von 8-OH-dG mit der Nukleotidexzisionsreparatur (NER) in Verbindung gebracht. Mit diesem System korrigiert der Körper fehlerhafte Stellen, die eine Art „Buckel“ im DNA-Molekül erzeugen und dadurch die Helixstruktur stören.

Bhatti und seine Kollegen haben nun untersucht, ob der Melatonin-Spiegel mit der ausgeschiedenen 8-OH-dG-Menge im Urin korreliert. Dazu nutzte das Team die Daten von 50 Probandinnen, die im vergangenen Jahr an seiner Studie teilgenommen hatten und besonders niedrige Melatonin-Werte aufgewiesen hatten. Die Untersuchungen bestätigten Bhattis Verdacht: Nachtarbeitende Frauen mit einem niedrigen Melatoninspiegel schieden auch etwa 80 Prozent weniger 8-OH-dG aus als ihre nachtschlafenden Kolleginnen.

Melatonin nicht auf eigene Faust einnehmen

Im Moment handelt es sich bei diesem Phänomen jedoch nur um eine beobachtete Korrelation. Einen kausalen Zusammenhang wollen Bhatti und seine Kollegen in einer weiteren Studie untersuchen. Dabei wollen sie die Frage klären, ob die Gabe von Melatonin die nächtliche 8-OH-dG Ausscheidung erhöhen und damit mutmaßlich die DNA-Reparatur verbessern kann. Ist das der Fall, müssten langfristig angelegte Studien klären, ob sich die Gabe von Melatonin bei Schichtarbeiterinnen dauerhaft positiv auf das Brustkrebsrisiko auswirkt. Bhatti warnt ausdrücklich davor, aufgrund der vorliegenden Daten Melatonin auf eigene Faust einzunehmen. Dazu wisse man bisher zu wenig über den Nutzen, eine möglicherweise nützliche Dosierung und Nebenwirkungen, die eine solche Einnahme mit sich bringen könnten.

Bis belastbare Daten vorliegen, rät Bhatti allen Schichtarbeitern, noch mehr als anderen, die gängigen Ratschläge für eine stabile Gesundheit zu berücksichtigen: Ausreichend langer Schlaf, gute Ernährung und regelmäßige Bewegung.

Quellen:

Shift work and chronic disease: the epidemiological evidence
et al.: Occupational Medicine, doi: 10.1093/occmed/kqr001; 2011

Oxidative DNA damage during night shift work
Parveen Bhatti et al.: Occup Environ Med, doi: 10.1136/oemed-2017-104414. 2017